Wenn Du diese Zeilen liest, werde ich schon lange tot sein, denn ich habe beschlossen, daß der heutige Tag mein Todestag ist. Deine Mutter wird Dir erklären, warum dies so ist. Glaube mir, viel lieber hätte ich mit Dir gelebt.
(Thomas starb bei einem Autounfall. Er raste in Süditalien gegen den Betonpfeiler einer Autobahnbrücke. Er war sofort tot. Seinen Abschiedsbrief an seine Tochter fand man in seinem Banksafe. Dort befand sich auch ein Testament, aus dem hervorging, daß Thomas seinen gesamten Besitz einer karitativen Einrichtung vermacht hatte. Aus dem Datum ging hervor, daß Thomas dieses Testament an dem Tag verfaßt hatte, an dem Sandra ein gemeinsames Sorgerecht endgültig verweigert hatte. Zwischen der notariellen Beglaubigung des Testaments und Thomas' Tod lagen elf Tage.)
Ich war damals Mitte Dreißig. Alles, was mir beruflich
vorgeschwebt war, hatte ich erreicht. Ich besaß eine schöne
Wohnung, ein Auto, um das mich die Männer beneideten, etwas Geld
auf der Bank. Aber irgendwie fühlte ich mich ziemlich leer.
War's das schon? dachte ich. Immer derselbe Trott, derselbe
Streß. Ich fand, es wurde Zeit, an die Zukunft zu denken.
Also begann ich, mich nach einem geeigneten Mann umzusehen. Ich
hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie er beschaffen
sein müßte.
Schließlich lernte ich ihn kennen. Er hieß Thomas, war Zahnarzt
mit eigener Praxis und hatte Geld genug für Frau und Kind.
Ich sorgte dafür, daß er auf mich aufmerksam wurde. Es fiel mir
nicht schwer, mich zu verlieben. Ich machte mir sogar ziemlich
viel aus ihm. Er machte sich bald auch ziemlich viel aus mir. Er
lud mich ein, zu ihm zu ziehen.
Seine Wohnung war nichts Besonderes, aber gemütlich. Ich zog
gerne ein. Allerdings behielt ich heimlich meine eigene Wohnung
und arbeitete weiterhin.
Es dauerte fast ein Vierteljahr, ehe ich schwanger wurde. Ich
hatte jahrelang die Pille genommen und eigentlich damit
gerechnet, sofort schwanger zu werden, sobald ich sie absetzte.
Es war eine Überraschung, daß es so lange nicht klappte. Aber
da meine Frauenärztin mir versichert hatte, daß alles mit mir
in Ordnung sei, machte mir das Warten nichts aus. Es gefiel mir
sogar. Es steigerte die Vorfreude. Thomas erzählte ich nichts.
Ich fand, es ging ihn auch nichts an.
Als ich es endlich geschafft hatte, schwanger zu sein, teilte ich
es Thomas mit. Er fiel aus allen Wolken, wollte mich aber sofort
heiraten. Also taten wir es.
Meine Tochter Melanie kam ein halbes Jahr später auf die Welt.
Thomas störte jetzt wahnsinnig.
Ich hatte mich mit diesem Mann eingelassen, weil ich ein Kind von
ihm haben und anschließend finanziell auf der sicheren Seite
stehen wollte. Die Romanze zwischen uns war zu Ende. Das war mir
eigentlich schon vor Melanies Geburt klar. Im Grunde hatte ich
nur noch abgewartet, ob mit dem Kind alles in Ordnung war. Ein
behindertes Kind hätte ich keinesfalls bei mir behalten.
Thomas rechnete damit, daß ich eine Woche nach der Entbindung
nach Hause kommen würde. Er tat mir leid, weil er sich so dafür
begeistern konnte, wie wir in seiner Wohnung hausen und
glücklich wie die Turteltauben sein würden. Aber mein
Entschluß war gefaßt. Ich verließ das Krankenhaus schon am
vierten Tag, ohne Thomas zu benachrichtigen.
Meine Zugehfrau hatte in der Zwischenzeit meine eigene Wohnung in
Ordnung gehalten. Als ich mit meinem Kind zur Tür hineintrat,
kam es mir vor, als wäre ich nie fort gewesen.
Thomas tat mir durchaus leid. Ich bin schließlich kein
Hackklotz. Vor allem, als er sich dann das Leben nahm. Aber ich
habe kein schlechtes Gewissen. Melanie ist mein Kind. Ich bin
ihre Mutter. Dieses Kind ist in meinem Bauch gewachsen. Und ich
habe es unter Schmerzen zur Welt gebracht. Thomas war mehr oder
weniger ein Zufallsmann. Er hatte ein Zehn-Sekunden-Glück bei
der Sache. Mehr nicht.
Pech für ihn war, daß Männer heute in puncto Liebe per Gesetz
zur Kasse gebeten werden, ihre Kinder aber nicht bekommen.
Worüber ich mich durchaus nicht beklage. Es ist ja voll und ganz
in meinem Sinn. Ich will damit sagen, daß ich mich nicht zu
schämen brauche. Ich habe von dem Erzeuger meines Kindes
verlangt, was mir gesetzlich und rechtmäßig zusteht.
Ich schrieb ihm, daß ich ihn freigebe und die Scheidung wolle.
Ich schrieb ihm, daß er uns auch freigeben solle.
Aber dummerweise hatte Thomas andere Vorstellungen als ich. Jetzt
auf einmal kam dieser Mann daher und behauptete, mein Kind sei
sein Kind. Forderte Mitspracherecht bei der Erziehung, forderte
mein Kind für sich. Ich habe nie eingesehen, mit welchem Recht.
Etwa mit dem Recht des Chromosomensatzes, den er anteilig an
meinem Kind geliefert hat? Ja, erwirbt sich denn ein Kaufmann ein
Recht, meinen Kuchen zu essen, nur weil er der Lieferant der
Zutaten war?
Ich hatte Thomas geheiratet, weil ich ein Kind wollte und dieses
Kind einen Vater haben sollte, für den es sich nicht schämen
müßte. Ich hatte einen Mann als Erzeuger für dieses Kind
ausgesucht, der Geld genug hatte, um die Erziehung zu sichern und
zu garantieren, daß ich als Mutter Zeit genug für mein Kind
haben würde. Aber ich hatte ihn nicht geheiratet, um für immer
und ewig mit ihm Händchen zu halten.
Ich versuchte, Thomas alles zu erklären. Ich habe ihm mindestens
drei, vier Briefe deswegen geschrieben. trotzdem wurde das erste
Jahr nach unserer Trennung ziemlich hart für mich. Thomas
versuchte mit allen Tricks, zumindest das Kind zurückzuholen.
Aber ich hatte eine Spitzenanwältin genommen. Sie machte ihre
Sache wirklich gut. Nach dem obligatorischen Trennungsjahr wurden
Thomas und ich endlich geschieden. Melanie wurde mir
zugesprochen.
Daß Thomas sich zwei Monate später das Leben nehmen würde, war
nicht eingeplant und von mir auch nie beabsichtigt. Es tut mir
natürlich leid.
Wirklich schlimm ist, daß Thomas kaum Geld hinterlassen hat, so
daß Melanie und ich ziemlich dumm dran sind. Seine Eltern haben
zwar versprochen, daß sie einen Teil der Kosten für Melanie
übernehmen, aber das ist ja nichts Reelles. Das beunruhigt mich
schon. Da weiß ich auch noch nicht, wie ich damit umgehe. Es sei
denn, ich heirate noch mal.
Ob ich mich schlecht dabei fühlen werde?
Nein, eigentlich nicht. Eher so wie nach einem gelungenen Coup.