Leider nur erfunden von Taddäus Troll
Tobias ging im Walde so für sich hin, als ihn plötzlich ein klägliches Winseln aus seinen Betrachtungen riß. Er lief den Tönen nach und entdeckte einen braunen Airedale-Terrier, der sich in einer Schlinge verfangen hatte, wie sie Wilderer auszulegen pflegen. Tobias befreite das Tier und war nicht wenig erstaunt, als es vor ihm sitzen blieb, das Maul öffnete und sagte: "Ich danke Ihnen, mein Herr. Sie sehen in mir nicht etwa einen x-beliebigen Hund, sondern den staatlich geprüften Oberzauberer Abuhel, den es gelüstete, in der Gestalt eines Hundes zu lustwandeln. Leider war mir die Zauberformel für Schlingenlösen entfallen. Ich wäre eines elenden Todes gestorben, wenn Sie, verehrter Herr, mich nicht befreit hätten. Als Dank sei Ihnen ein Wunsch gewährt, der sich erfüllen wird."
Tobias, kein Materialist, besann sich nicht lange und sagte: "Ich möchte, daß morgen für alle Menschen, die in meiner Stadt wohnen und die eine Lüge sagen oder schreiben, die Schwerkraft aufgehoben ist."
"Es sei", sprach Abuhel und war wie vom Waldboden verschlungen.
Am anderen Tag ereigneten sich in der Stadt merkwürdige Dinge. Es begann damit, daß Tobias' Reinemachefrau ihm einen guten Morgen wünschend sagte, sie sei heute schon eine Stunde früher gekommen, als er noch tief geschlafen habe. Da flog sie wie ein Luftballon gegen die Decke, wo sie mit dem Staubsauger hing, bis es nachts zwölf Uhr schlug. Der dickbäuchige Herr Knotzke, der Tobias 100 Mark schuldete, ihm auf der Straße begegnete, beide Hände schüttelte und sagte: "Wie freue ich mich, Sie wieder einmal zu sehen", freute sich nicht lange, denn kaum hatte er den Satz ausgesprochen, so flog er in die Luft und der Wind trug ihn von dannen.
Es ging in der Stadt turbulent zu. Bei den Zeitungen löste sich ein Maschinensetzer nach dem anderen von seinem Arbeitsplatz und flog davon, den in aller Frühe verschwundenen Redakteuren nach. Als der Chefredakteur mit dem Kultusminister telefonierte und ihm sagte, daß seine Pläne zur Hochschulreform wirklich fortschrittlich seien, da brach die Verbindung plötzlich ab, weil der Redakteur so heftig nach oben gezerrt wurde, daß die Telefonleitung riß.
Um die Mittagszeit stand fast niemand mehr auf dem Boden der Tatsachen. Im Parlament flog ein Redner nach dem anderen gegen die Kuppel, in der die Abgeordneten in dicken Trauben hingen. Und als ein Parteiführer seine Ansprache mit den Worten begann: "Meine Partei steht unumwunden auf dem Boden echter Demokratie" und ihm seine Spezis den befohlenen einstimmigen Beifall zollten, durchbrach die Fraktion geschlossen das Glasdach des Sitzungssaales und wurde zur Freude des Landes vom Westwind in den bösen Osten getrieben.
Die Menschen entschwebten wie Vogelschwärme, oder sie hingen, wenn sie das Glück hatten, sich in geschlossenen Räumen zu befinden, an deren oberen Grenzflächen. Einzig ein paar Nonnen, ein pensionierter Beamter und zwei schlohweiße Unternehmer waren noch der Schwerkraft unterworfen, wäre der eine davon nicht so unvorsichtig gewesen, an diesem Tag seine Steuererklärung abzugeben. Briefschreiber lösten sich spätestens bei der Schlußfloskel "mit vorzüglicher Hochachtung" von ihren Sitzen. Schon kurz nach Sonnenaufgang waren alle Syndici von Interessenverbänden in höheren Regionen, ganz zu schweigen von denen, die an diesem Tag eidesstattliche Erklärungen abgaben.
Ein verhinderter Bundeskanzler, der sagte, in der Opposition fühle er sich unter guten Parteifreunden richtig wohl, wurde schon bei den ersten Worten so heftig nach oben gerissen, daß er mit einem gewaltigen Knall die Schallmauer durchbrach. Aber auch der Regierungssprecher, der erklärte, Abgeordnete stimmten ohne Fraktionszwang nur nach ihrem Gewissen ab, glich einem startenden Hubschrauber. Väter, die sich über die Zeugnisse ihrer Kinder erregten und sich, ihre Sprößlinge mahnend, an ihre eigenen viel besseren erinnerten, bezahlten diesen trügerischen Blick in die Vergangenheit mit einer Beule, die ihr Kopf an der Zimmerdecke schlug. Alte Damen, die bis zum Nachmittagskaffee den Boden unter den Füßen behalten hatten, schwebten mit kleinen spitzen Schreien und raschelnden Röcken nach oben, als sie das zweite Stückchen Kuchen mit der Begründung ablehnten, sie seien schon satt. Drei Zeugen vor Gericht brachen sich, beim Eid nach oben getrieben, ein bis zwei Schwurfinger.
Am Abend war die Stadt wie ausgestorben. Der Tag hatte selbst in die Reihen der Geistlichkeit schwere Lücken gerissen. Ein Pastor wurde nur vom Kanzelhimmel davon abgehalten, ins Kirchenschiff zu entschweben, als er beim stillen Gebet auf vierzig zählte. Ein Maler, der heftig stotterte und deshalb bis zum Abend auf dem Boden geblieben war, flog noch davon, als er ein Schild "Gasthof Adler nur 5 Minuten" malte. Der Schwerkraft unterworfen blieben nur ein paar Kinder, die noch nicht sprechen konnten, alle Tiere, drei Straßenmädchen, fast alle Dichter, die Insassen des Irrenhauses außer dem Pflegepersonal, einige Schauspieler und die Betrunkenen, die letzteren teilweise sogar recht heftig. Tobias selbst hielt sich recht und schlecht bis kurz vor Mitternacht, als er zu sich selbst sagte, er hätte diesen Wunsch nicht geäußert, um seine Mitmenschen zu blamieren, sondern um sie zu bessern. Da flug er sanft gegen den leise klirrenden Kronleuchter.
Schlag zwölf kamen sie dann alle wieder herunter. Wer aber glaubt, daß seither in der Stadt weniger gelogen wird, der irrt sich.