Aus: Sonntag aktuell vom 29.11.1998


Unkonventionelle Aktion gegen Trunkenheit am Steuer zeigt Erfolg

Schutzengel bewahren Jungs vor Alkoholfahrten

Die dänische Stadt Aalborg hat es mit der "Schutzengel-Kampagne" geschafft, jugendhche Autofahrer davon abzuhalten, sich betrunken ans Steuer zu setzen. Sie setzt dabei auf die jungen Damen.

"Ich bin ein Schutzengel", sagt Rikke Ditlev (19), die mit ihren Freunden an einem Brunnen in der Innenstadt von Aalborg die Sonne genießt. Zum Beweis greift sie in ihre Geldbörse und zieht eine Plastikmarke heraus, die ein bißchen aussieht wie ein dänischer Polizistenausweis.
"Schutzengelkarte" steht darauf und daß Schutzengel keine Tøsedrenge mögen. Dieses dänische Wort hat viele Bedeutungen: Muttersöhnchen, Memme, Hasche; Tøsedrenge, so steht weiter auf der Karte, seien Jungs, die unter Alkoholeinfluß Auto fahren. Tøsedreng: Kein Junge möchte so genannt werden, schon gar nicht von einem gleichaltrigen Mädchen.
Aalborg im Norden Jütlands macht mit seiner Kampagne gegen Alkohol am Steuer derart Furore, daß das Verkehrsamt bereits zu einem renommierten dänischen Marketingpreis vorgeschlagen wurde: Die Stadt schickte allen jungen Leuten zwischen 17 und 21 Jahren einen Brief im schwarzen Umschlag. Aufgedruckt war ein Totenkopf mit zersplitterter Schädeldecke. "Hirnrissig ist es, mit Stoff im Blut zu fahren", stand daneben.
In der mitgeschickten Broschüre sieht man ein langbeiniges Mädchen im Minirock und Nasenstecker und mit Heiligenschein, einen trin­ken­den Jungen mißbilligend angucken: "Wir wollen freche Schutzengel", sagt Pernille Ehlers, Mitinitiatorin der Kampagne in der Stadt­ver­waltung. "Wir fordern sie auf, angetrunkene Jungs vom Fahren abzuhalten" In deren Begleitbrief steht daß sie künftig ständig mit dem Eingreifen von Schutzengeln rechnen müßten. Für die Mädchen lag statt dessen der Schutzengel-Ausweis im Umschlag. Es gibt somit 22 000 potentielle Engel in der Stadt, die auf ihre gleichaltrigen männlichen Freunde aufpassen. Denn Alkohol am Steuer ist ein männliches Problem: Nur fünf Prozent der jungen Trunkenheitsfahrer in Aalborg sind Mädchen.

"Wenn ich sehe, daß einer meiner Bekannten zu viel getrunken hat, nehme ich ihm einfach die Schlüssel weg", erklärt Schutzengel Rikke. Und das lassen die Jungs sich einfach gefallen"? "Nein", sagt die Studentin. "Das gibt meistens Ärger." Die Jungs dächten nämlich, sie seien noch fähig zum Fahren, "auch wenn sie es nicht mehr sind". Dennoch setze sie sich durch, sagt Rikke. Wenn sie lächelt und ihre großen blauen Augen blinken, ahnt man wieso.
"Was Eltern und Polizei sagen, ist den harten Jungs gleichgültig. Aber meistens interessieren sie sich für Frauen und denen wollen sie gefallen", sagt Per Studsholt, Verkehrssicherheitschef der Stadt Aalborg. Wenn die Jungs in Zukunft merkten, daß sie mit der Trinkerei keinen Eindruck schinden könnten, würden sie ihr Verhalten ändern, so Studsholt. Wichtig bei der Kampagne sei daher, daß "die jungen Frauen klarmachten, daß sie nur vernünftige Männer attraktiv finden".

Der Erfolg der Kampagne ist eindrucksvoll: Die Zahl der Unfälle mit angetrunkenen Fahrern unter 21 Jahren sank um mehr als zwei Drittel, von über 40 jährlichen Unfällen vor der Kampagne auf 13 Unfälle. Das Projekt kostet 130 000 Mark im Jahr. "Das ist sehr wenig", sagt Penille Ehlers. Ein einziger Unfall mit Personenschaden koste im Schnitt 300 000 Mark für Krankenhaus und Reha-Maßnahmen. Zu Beginn hätten die Initiatoren Angst gehabt, daß "die Mädchen sich weigern, Kindermädchen für ihre Freunde zu spielen", sagt Studsholt. Die Sorge war unbegründet. Bei einer Befragung meinten 91 Prozent der Mädchen, daß die Schutzengel-Kampagne "eine gute Idee" sei. 99 Prozent der Mädchen sagten, daß sie die Schutzengel-Karte aufgehoben hätten. Teilweise allerdings wohl auch deshalb, weil sich Aalborger Geschäftsleute an dem Projekt beteiligen: In einigen Cafés gibt es für Schutzengel eine Tasse Kaffee gratis, in Nachtbussen bekommen Engel Rabatt.
In den Strahlen der Nachmittagssonne glitzert etwas grünlich in dem Brunnen in der Aalborger Innenstadt. Schutzengel Rikke greift in das kalte Wasser, ihre Hand taucht mit einer Flasche Carlsberg wieder auf. "Ich habe nichts gegen Bier, ganz im Gegenteil – solange man nicht Auto fährt", sagt sie, öffnet die Flasche und prostet ihren Freunden zu: Skål, Schutzengel!

Acht Jahre später wurde die Methode nach Deutschland importiert.