Der folgende Artikel ist in sehr wissenschaftlichem Stil geschrieben. Doch die Mühe des Lesens lohnt sich. Er erklärt ausgezeichnet die Mechanismen zu Erhalt oder Niedergang von Vorurteilen und Weltanschauungen.
von Wolfgang KRAH, Bersenbrück (D)
11. Oktober 1982
erschienen in grkg / Humankybernetik, Band 24 - Heft 1 (1983)
Erkenntnisprozesse sind kybernetisch gesehen Verbesserungen, die lernfähige Systeme an ihren inneren Modellen (fortan in den unterschiedlichen grammatischen
Formen dieses Ausdrucks mit i.M. abgekürzt) durchführen.
Den Anlaß zur Veränderung gibt die Feststellung, daß Handeln gemäß dem i.M. nicht die erwarteten Resultate erbringt.
Sehr oft ist nicht von vornherein klar, welcher Bestandteil des i.M. für das Versagen verantwortlich ist. Dies muß erst herausgefunden werden.
Im schlimmsten Fall muß das System hierbei nach der reinen Versuch-und-Irrtum-Methode vorgehen.
Meist aber besteht das i.M. aus Bestandteilsklassen, die auf Grund früherer Erfahrungen unterschiedlich gesichert erscheinen.
In diesem Fall ist es am günstigsten, zuerst die unsichertsten probeweise zu verändern.
Erst wenn dies keinen Erfolg bringt, werden die probeweisen Veränderungen auf immer gesichertere Bestandteile ausgedehnt.
Allerdings darf bei diesem Vorgehen kein Bestandteil grundsätzlich als unveränderbar behandelt werden, denn jeder, auch der gesichertste, könnte sich
als Ursache der unbefriedigenden Übereinstimmung zwischen i.M. und Außenwelt herausstellen.
Auch beim Menschen verläuft der Erkenntnisprozeß im Prinzip auf diese Weise.
Doch die Prinzipien, nach denen der Mensch die Bestandteile seines i.M. zur probeweisen Veränderung auswählt, sind sehr kompliziert.
Eine Reihe schwer durchschaubarer Faktoren bestimmt, welche Sicherheiten er den verschiedenen Bestandteilen zuschreibt. Die Faktoren sind von Mensch zu Mensch
unterschiedlich, so daß diese Sicherheiten als subjektiv zu bezeichnen sind.
Die Folge ist, daß beim Menschen beim versuchsweisen Ändern des i.M. Schwierigkeiten auftreten können, die beim Automaten dank dessen Konstruktion unmöglich sind.
Die schwerstwiegende ist, daß es zur Abschirmung gewisser i.M.-Bestandteile gegen jegliche Veränderung kommen kann.
Ein Erkenntnisprozeß, bei dem irgendwelche i.M.-Bestandteile tabu sind, sei gestörter Erkenntnisprozeß genannt.
Der lernende Automat strebt gemäß seiner Konstruktion danach, die Prognosefähigkeit seines i.M. ständig zu verbessern.
Ihm ist die einzige Aufgabe gestellt, maximal zutreffende Prognosen für geplante Handlungen gemäß vorgegebener Zielstellung zu liefern.
Schon ein flüchtiger Blick in die menschliche Gesellschaft zeigt, daß die innern Modelle der Menschen oft, zuweilen sogar vorrangig, auch andere Funktionen zu erfüllen haben.
Das i.M. des Menschen enthält neben Daten, die durch Tatsachenaussagen ausgedrückt werden, ein System von Vermutungen, Hypothesen, Theorien, Ansichten, Überzeugungen usw.
Man kann den Sammelbegriff für diese verschieden benennen. Ich nenne ihn System der Vor-urteile, da sie erstens unseren Urteilen vorausgehen, zeitlich und logisch;
zweitens will ich mit diesem Wort anklingen lassen, daß sie sich leicht in Vorurteile im geläufigen Wortsinn verwandeln. Das System der Vor-urteile einer
Person oder Gruppe sei mit VS (wiederum in allen grammatischen Formen) abgekürzt.
Die VS sollen nicht nur Prognosen liefern, sie haben noch eine andere Funktion zu erfüllen: Sie sollen den Menschen in eine bestimmte psychische Verfassung
versetzen oder in ihr erhalten, die der Betreffende oder andere Personen als wünschenswert ansehen. Sie sollen ihm etwa das Gefühl der Geborgenheit verschaffen,
Mut geben zum Kampf für ein Ziel u.ä., oder sie sollen bewirken, daß man sich anderen Menschen, z.B. Autoritätspersonen gegenüber gemäß
deren Wünschen verhält, etwa sie als Autoritäten anerkennt, ihre Ziele unterstützt und dergl.
Diese Funktion des VS wird dem Besitzer oder Verkünder des VS oft wichtiger sein als seine Eignung zu Prognosen.
Der Unterschied zwischen der prognostischen Funktion eines VS und den o.g. Funktionen ist aus pragmatischer Sicht sehr erheblich:
Prognosen sind keine direkten Mittel oder Instrumente zur Erreichung von Zielen.
Sie erleichtern oder ermöglichen nur die Wahl der einzusetzenden oder herzustellenden Mittel bzw. Instrumente. Die nicht Prognosen dienenden VS sind
hingegen solche Mittel, Mittel nämlich zur Erzeugung einer gewünschten psychischen Verfassung des VS-Besitzers oder anderer Personen, funktionell materiellen
Mitteln für diesen Zweck vergleichbar, etwa Drogen oder Psychopharmaka.
Man kann, wenn man es möchte, natürlich auch ein prognoselieferndes VS als Mittel bezeichnen, als ein zur Auswahl oder Herstellung neuer gewünschter
Zustände geeignetes direktes Mittel. Dann muß man sich aber klar sein, daß es ein Mittel sozusagen zweiter Stufe bzw. ein Meta-Mittel ist.
Sollen VS in erster Linie nichtprognostischen Zwecken dienen, so müssen sie als Ganzes oder in bestimmten Teilen vor Veränderungen geschützt werden, sonst
leidet ihre Funktionserfüllung. Ein Mensch muß sein VS, zumindest seinen Kern, vorbehaltlos akzeptieren, darf ihm nicht kritisch gegenüberstehen,
wenn es ihn in einer gewünschten psychischen Verfassung halten soll.
Die Aufrechterhaltung des VS, auch partiell, verhindert seine Optimierung für Prognosezwecke, führt mit anderen Worten zu einer Störung des Erkenntnisprozesses.
Diese wirkt sich um so nachteiliger aus, je mehr empirisch prüfbare Bestandteile das VS hat.
Die meisten, nicht primär auf optimale Prognosen zielenden VS, vor allem politische und wirtschaftliche Ideologien, enthalten Bestandteile (Aussagen),
die empirisch prüfbar sind, also mit Erfahrungen in Widerspruch geraten können.
Erhaltung des VS verlangt, daß solche Widersprüche nicht auftreten.
Wir haben uns daher mit den Mitteln zu befassen, die ein VS vor dem Eindruck schützen soll, es stimme mit der Wirklichkeit nicht überein.
Weiter wird zu fragen sein, welche Probleme die Anwendung dieser Mittel erzeugt und wie ihre längerfristigen Erfolgsaussichten sind.
Da das Ziel, ein VS zu bewahren, auf die Dauer unvereinbar ist mit dem Ziel, seine Eignung für Prognosen laufend zu verbessern, stehen die Mittel
zur Erreichung dieser beiden Ziele zueinander weitgehend im Gegensatz.
Das zeigt sich schon in der Haltung zu Wahrnehmungen: Wer sein VS prognosefähiger machen will, schärft seinen Blick für Erscheinungen,
hinter denen eine Schwachstelle des VS verborgen sein könnte.
Der VS-Bewahrer hingegen trainiert es sich an, solche Erscheinungen zu übersehen oder nicht weiter zu beachten.
Er wird sich unter Umständen bewußt einreden, sie seien keiner Prüfung wert.
Er wird anderen Menschen gegenüber versuchen, solche Erscheinungen zu verbergen oder von ihnen abzulenken.
Tauchen derartige Erscheinungen immer wieder auf, muß er diese Strategie allerdings aufgeben.
Nun muß der VS-Bewahrer die Erscheinungen sich oder anderen so erklären, daß sie nicht als Indiz oder gar Beweisstück gegen sein VS wirken.
Dies Unterfangen ist erfahrungsgemäß nicht aussichtslos, wenn der Erklärende nicht an feste Regeln gebunden ist (wie etwa bei der Erklärung eines
mathematischen Tatbestandes). Wenn man dem Explicatum geeignete weitere
Prämissen zufügt, eventuell auch noch das System der Schlußregeln manipuliert, läßt sich das Explicandum immer durch das Explicatum erklären.
Dies ist logisch leicht beweisbar.
Die Verfahren, mit denen man erreicht, daß ein VS fähig wird oder bleibt, alles in seinen Kompetenzbereich Fallende zu erklären, nennt Hans Albert
Immunisierungen des Explicatums (VS oder VS-bestandteils) gegen Falsifizierungen.
Man kann auch Menschen "immunisiert in bezug auf ihr VS" nennen, wenn sie, sobald Festellungen getroffen werden, die dem VS zu widersprechen scheinen,
sofort solche Verfahren praktizieren.
Solche Verfahren benötigen in der Regel für die Erklärung jeder widerspenstigen Feststellung neue zusätzliche Annahmen (in der Fachsprache ad-hoc-Hypothesen genannt)
und oft auch neue Regelmanipulationen. Gegen diese Praxis werden die Menschen mit der Zeit unvermeidlich zumindestens mißtrauisch, auch wenn sie sich nicht
klar bewußt machen, daß der VS-Verteidiger einen methodologisch unlauteren Trick benutzt. Der positive Eindruck, den die unbegrenzte Erklärungsfähigkeit
des VS bewirkt, sinkt und schlägt schließlich ins Gegenteil um.
Etwas anderes untergräbt den Glauben an das VS noch schneller:
Die Menschen versuchen, auf eigene Faust mit ihm Erscheinungen zu erklären, für die noch keine Erklärungen der VS-Experten vorliegen.
Das führt unweigerlich zu negativen Ergebnissen, denn die betreffenden Personen haben nicht das Motiv, das VS zu erhalten, benutzen deshalb bei ihren
Bemühungen keine Zusatzprämissen und keine Regelmanipulationen.
Am meisten aber schadet mit der Zeit dem VS, daß es sich immer wieder als unfähig erweist zur Voraussage künftiger Geschehnisse und Dinge, zu Prognosen im strengen Sinne.
Diese Unfähigkeit läßt sich, im Gegensatz zur Unfähigkeit zu Erklärungen, aus logischen Gründen nicht beheben.
Denn zu prognostizierende Sachverhalte sind definitionsgemäß nicht dank irgendwelcher Informationen bekannt.
Sie müßten aber bekannt sein, damit man weiß, wie man das VS zu immunisieren hat, durch welche ad-hoc-Hypothesen, etc.
Mit der Zeit wird daher diese Unfähigkeit des VS zwangsläufig immer offensichtlicher.
Das weitere Schicksal des VS hängt davon ab, ob seine Nachteile (Prognoseunfähigkeit) für den Benutzer mit der Zeit größer werden als die Vorteile, die es ihm gibt.
Die Entscheidung hierüber hängt ab von den Zielen des VS-Benutzers.
Die Wahrscheinlichkeit dafür, daß jene Prognoseunfähigkeit sich als nachteilig erweist, wächst mit der Zeit.
Denn der Benutzer stellt sich immer neue Ziele, hat immer neue Aufgaben zu lösen. Je länger er dies tut, um so wahrscheinlicher ist es,
daß er eine Voraussage benötigt, die das VS nicht liefern kann.
Freilich, solange wir als Benutzer ein Individuum betrachten, ist oft auf Grund seiner Lebensumstände so gut wie sicher, daß es sich sein
Leben lang nur Ziele stellen wird, die solche Prognosen nicht brauchen werden. Das Problem des direkten VS-Nachteils wird sich hier nicht stellen.
Aber das Bild ändert sich sehr, wenn wir uns kollektiven Benutzern zuwenden, etwa einem Staat. Der kollektive VS-Benutzer erreicht seine Ziele nur dann,
wenn eine Anzahl seiner Mitglieder die ihren erreichen. Die meisten Mitglieder tragen zur Erreichung der Kollektivziele bei.
Ihre Ziele sind sehr unterschiedlich. Also ist die Zahl der individuellen Ziele, die erreicht werden müssen, damit die Kollektivziele erreicht werden,
um viele Größenordnungen größer als die Zahl der Ziele des vielseitigsten Individuums.
Das bedeutet aber, daß ein prognoseunfähiges VS sich mit viel höherer Wahrscheinlichkeit auf das Kollektiv nachteiliger auswirkt als auf ein Individuum.
Wenn ein Staat Schaden erleidet, dann wirkt sich dieser auf die Individuen aus, auf die einen mehr, auf die anderen weniger.
So wirkt sich die Prognoseunfähigkeit eines VS auf dem Umweg über Nachteile für den kollektiven Benutzer auch auf die individuellen Benutzer aus.
Am häufigsten verläuft diese Schädigung so: Es werden Aktionen durchgeführt, bestimmte Objekte oder Verhältnisse geschaffen, weil das VS voraussagt,
sie würden den und den gesellschaftlichen Nutzen bringen. Die Voraussage erweist sich als falsch.
Die geschaffenen Objekte bewirken vielmehr Schäden, unter denen alle oder die meisten Kollektivmitglieder zu leiden haben.
Oft vergeht viel Zeit, bis die Objekte geschaffen sind und ebenfalls, bis sich ihre Schädlichkeit zeigt.
Die Erkenntnis der Prognoseunfähigkeit eines VS ist daher im Allgemeinfall ein längerer und "kosten"-intensiver Prozeß.
Aber dieser Prozeß ist erfahrungsgemäß nie für nennenswerte Zeit rückläufig.
Denn es ist höchst unwahrscheinlich, daß durch eine gütige Fügung des Schicksals längere Zeit nur Probleme entstehen, deren Lösung keine Prognosen erfordert,
zu denen das VS unfähig ist.
Probleme, die infolge der Prognoseunfähigkeit des VS nicht oder mangelhaft gelöst wurden, schaffen immer Folgeprobleme, die ebenfalls das VS fatal überfordern.
Es hört daher nicht auf, Nachteile für die Gesellschaft zu erzeugen und damit auch für die meisten Individuen.
Den wachsenden Nachteilen stehen zwar Vorteile gegenüber, doch diese wachsen nicht gesetzmäßig mit der Zeit. Daher wird die Vorteil-Nachteil-Bilanz
des VS immer ungünstiger. Je ungünstiger sie geworden ist, um so stärker werden die Betroffenen motiviert, nach ihrer Ursache zu suchen,
denn Erkenntnis der Ursache von Nachteilen ist Voraussetzung, sie zu beheben.
Es vergeht eine Weile, die wir Totzeit nennen können, ehe jemand als Ursache der von allen gespürten Nachteile Prognoseunfähigkeit des VS glaubhaft diagnostiziert.
Diese Diagnose breitet sich nun innerhalb der Gruppe aus. In unseren Tagen geschieht dies aus bekannten Gründen viel rascher als in der Vergangenheit.
Die Diagnose breitet sich jedenfalls schneller aus als schaden-nutzen-neutrale Informationen, denn eventuell lebensrelevante Informationen werden schneller
als irrelevante kolportiert. Bei den Verbreitern ersterer dominieren gewöhnlich ethische Motive ("Den Menschen die Augen öffnen"); zum Verbreiten nutzenirrelevanter
Aussagen fühlt sich niemand ethisch verpflichtet. Ein sehr hoher Anteil der Gruppenmitglieder ist daher über o.g. Diagnose bald informiert.
Wie entwickelt sich die innerliche, die private Anerkennung der Diagnose, m.a.W.: die Ablehnung des VS? Sie wird um so rascher um sich greifen, je stärker der Nachteilsdruck ist.
Je stärker dieser, um so bereitwilliger werden Erklärungen seiner Ursache angenommen, also auch jene Diagnose.
Andererseits wird ihre innerliche Anerkennung sich um so langsamer ausbreiten, je stärker das bestehende VS im Durchschnittsgehirn immunisiert ist.
Doch wie sehr diese Immunität die Zunahme der Ablehnung des VS auch verlangsamen mag, gestoppt werden kann sie nicht.
Denn die 'Kraft', die auf Beseitigung der Nachteile drängt, wird im Normalfall immer größer, der Widerstand, den die Immunisiertheit des Gehirns dieser 'Kraft'
entgegensetzt, jedoch nicht. Die Einschränkung 'im Normalfall' ist nötig, weil der Mensch vor Nachteilen,
sogar wachsenden Nachteilen resignieren kann, oder weil er einfach in seinem Gehirn die Prozesse nicht zustande bringt, die eine Veränderung seines VS verlangen würde.
Die meisten Menschen wechseln nicht mit einem Mal von totaler Anerkennung zu totaler Ablehnung, sondern sie tun dies schrittweise:
Sie lehnen einen Bestandteil des VS nach dem anderen ab. Nachteilsdruck und Immunisiertheitsgrad der Bestandteile bestimmen dabei die Reihenfolge.
Häufig ist nur der Immunisiertheitsgrad bestimmend:
Man gibt erst die am schwächsten immunisierten Teile auf und schreitet dann zu immer stärker immunisierten fort.
Gewöhnlich ist dieser Fortgang identisch mit den von peripheren Teilen des VS zu immer zentraleren.
Erst als letztes kommen die 'geheiligten' Grund- oder Zentralideen an die Reihe.
Was sind in der Regel die peripheren, was die zentralen Bestandteile?
Ein VS besteht aus drei Arten von Vor-urteilen:
1) aus Urteilen über empirisch prüfbare Sachverhalte,
2) aus Werturteilen,
3) aus metaphysischen Urteilen.
Erstere sind am leichtesten und daher schnellsten überprüfbar. Das Ergebnis der Prüfungen ist am wenigsten anfechtbar.
Sie steuern am wenigsten zur Erreichung oder Erhaltung o.g. psychischer Verfassung bei. Daher werden sie auch am leichtesten aufgegeben. Sie in erster Linie sind die peripheren Bestandteile.
Werturteile sind nicht wie empirische überprüfbar.
Überprüfbar sind sie überhaupt nur, wenn ihnen andere Werturteile übergeordnet sind.
Wenn sie diesen widersprechen, werden sie verworfen.
Für menschliche Individuen und Gruppen gibt es immer einen Wert, der – von wenigen Ausnahmen abgesehen – allen übrigen Werten übergeordnet ist:
Der Wert der Existenzerhaltung.
Ein Urteil, das einen Sachverhalt, eine Handlungsweise usw., die der Existenzerhaltung abträglich ist, positiv bewertet, wird über kurz oder lang beseitigt.
Wenn nicht, riskiert die Person oder Gruppe ihren Untergang.
Natürlich kann ein Werturteil auch wegen Widerspruchs mit einem anderen höheren Wert aufgegeben werden. Existenzerhaltung ist nur der extremste Fall.
Es bedarf immer viel mehr negativer Erfahrungen als bei einem empirischen Urteil, damit man sich von einem Werturteil trennt. Zudem können wechselnde Umstände
lange Zeit zu widersprechenden Einschätzungen von Werturteilen führen: Die Werturteile werden daher später aufgegeben als die empirischen.
Von den metaphysischen Urteilen sagt man sich als letzten los. Sie sind definitionsgemäß nicht empirisch prüfbar, und sie geben auch keine
Anweisungen zum Handeln, welches allmählich seinen Wert oder Unwert für höhere Ziele erweist.
Man kann mit der Anerkennung eines metaphysischen Urteils genauso gut bzw. schlecht leben wie mit seiner Ablehnung.
Vielfach unterliegen diese Urteile aber indirekt dem Kriterium der Daseinserhaltung.
Ein einzelnes metaphysisches Urteil ist zwar in der Regel mit jeder Wertrangordnung vereinbar, aber gewöhnlich hat man es mit Systemen
aus metaphysischen Urteilen zu tun, mit philosophischen oder religiösen, und diese begünstigen bestimmte Wertrangordnungen und drängen andere zurück.
Dadurch wirken sie sich indirekt – nicht wie die Werturteile direkt –
auf das menschliche Handeln aus und werden dadurch vom Kriterium der Existenzerhaltung oder eines anderen höchsten Ziels erfaßt.
Der Zusammenhang zwischen metaphysischem System und dem Nutzen und Schaden des von ihm beeinflußten Handelns zeigt nur eine schwache Determiniertheit,
denn das metaphysische System ist nur ein Faktor neben anderen, die die Wertrangordnung festlegen, und der kausale Zusammenhang der Wertrangordnung
mit Handlungsnutzen und -schaden ist ebenfalls nur ein statistischer.
Da statistische Determiniertheit umso später sichtbar wird, je schwächer sie ist, bleiben die metaphysischen Vor-urteile eines VS am längsten erhalten.
Es gibt daher während des ganzen VS-Verfalls immer zahlreiche Menschen, die zwar längst die empirisch prüfbaren Behauptungen des VS aufgegeben,
auch von seinen Werturteilen sich weitgehend losgesagt haben, aber seine metaphysischen Thesen unangetastet lassen, also meinen, daß das VS 'im Prinzip'
richtig sei, es nur von einigen sekundären Mängeln befreit werden müsse.
Zuweilen deuten aber bestimmte Umstände darauf hin, daß ein besonders schwerer Nachteil einer zentralen These anzulasten ist. Dann wird oben angegebene
Reihenfolge durchbrochen, und das 'öffentliche Bewußtsein' stößt rasch zum Kernproblem durch und stellt das gesamte VS in Frage.
Um dies zu vermeiden, drängen die VS-Verteidiger die Suche nach den Nachteilsursachen, so lange sie können,
auf weniger wichtige Bestandteile des VS ab, auf unrichtige Anwendungen und falsche Interpretationen 'an sich richtiger Prinzipien' u. dergl.
Damit stoppen sie aber die Abkehr von VS nicht auf die Dauer, sondern schieben sie bestenfalls hinaus. Denn wenn Prinzipien immer nur falsch interpretiert und
falsch angewendet werden, dann wird es immer belangloser, ob sie 'im Prinzip' richtig seien. Sie tragen keine Früchte oder nur faule, und das entscheidet.
Wenn das dauernde Reinwaschen der Prinzipien auf die Prinzipienadressaten kaum Eindruck mehr macht, wird schließlich der Versuch aufgegeben, wenigstens die
Bejahung der Prinzipien in den Köpfen der Menschen aufrecht zu erhalten.
Die Vertreter des VS begnügen sich fortan mit bloßen Lippenbekenntnissen zu ihm. Über deren Unaufrichtigkeit ist sich dabei jedermann im klaren.
(siehe z.B. real existierender Sozialismus)
Versuchen wir, uns ein anschauliches Bild vom Verlauf der Zunahme der Ablehner zu machen!
Trägt man den Prozentsatz y der Ablehner der VS in der Gruppe über die Zeit t auf, so resultiert daraus eine Wachstumskurve, über die man einige allgemeine Aussagen machen kann.
In t = 0 werde das VS zu 100% akzeptiert. Also ist y = 0 .
Einige Gruppenmitglieder beginnen unter dem Druck der Nachteile des VS nach deren Ursache zu suchen. Zur Zeit t1 werde VS als Ursache diagnostiziert.
Die Diagnose werde so schnell der ganzen Gruppe bekannt, daß die Verbreitungszeit vernachlässigt werden darf.
Wäre der Nachteilsdruck konstant und für alle Mitglieder gleich und wären die Immunisiertheitsgrade (von Null bis zum Maximum) über die Mitglieder
gleichmäßig verteilt, ergäbe sich von t1 an der bekannte Verlauf von Wachstumsprozessen mit beschränkter Wachstumressource.
Seine Gleichung ist y = a (1-e-bt), wobei a und b Konstanten sind.
Seine Kurve hat die Form eines nach rechts geneigten und gestauchten S. Die Kurve nähert sich asymptotisch einer Parallelen zur t-Achse.
Nach sehr langer Zeit ist der Prozentsatz der VS-Ablehner konstant, (100 - c)% wobei c der Prozentsatz der vorerwähnten Personen ist, die das VS nicht aufgeben können oder wollen.
Diese Kurve ist aber eine allzu starke Approximation, denn der Nachteilsdruck ist weder zeitlich konstant noch für alle Mitglieder
gleich stark, noch ist der Anteil jeden Immunisiertheitsgrades (von Null bis zum Maximum) gleich groß.
Vielmehr besteht die Gruppe aus unterschiedlich großen Untergruppen mit verschiedenen mittleren Immunisiertheitsgraden.
Die Ursache für diese Untergruppen sind die unterschiedlichen Stellungen der Gruppenmitglieder in der Gruppe
(Beruf, Volkszugehörigkeit, religiöses Bekenntnis u. dergl.).
Je nach Stellung in der Gesellschaft ist der Quotient Nachteilsdruck durch Immunisiertheitsgrad unterschiedlich.
Zuerst werden vorwiegend Mitglieder der Untergruppe mit dem größten Quotienten, dh. größtem Nachteilsdruck und niedrigster Immunisiertheit, zu VS-Ablehnern werden.
Steigt der Nachteilsdruck, so werden die Mitglieder der Untergruppe mit dem nächst kleineren Quotienten sich mehr und mehr in Ablehner verwandeln.
Dann kommt wieder die Untergruppe mit dem nächst kleineren Quotienten zum Zuge usw. Natürlich ergibt sich kein strenges Nacheinander.
Die betreffende Untergruppe ist jeweils nur die Hauptquelle des Ablehnerzuwachses. Die übrigen Untergruppen steuern auch ständig merklich zum Steigen des Ablehnerprozentsatzes bei.
Daher zeigt die y-t-Kurve keine deutlichen Stufen, sondern oft nur Andeutungen solcher. – So viel zur privaten, innerlichen Ablehnung des VS.
Wie entwickelt sich auch die nach außen gezeigte Ablehnung?
Zur inneren Ablehnung des VS kommt es durch die erklärende Kraft der Diagnose, daß VS die Ursache der Nachteile sei.
Die innere Ablehnung ändert weder die Nach- noch die Vorteile des VS für das Subjekt. Dies geschieht jedoch meist, sobald die Ablehnung durch Wort und Tat kundgetan wird.
Die meisten Menschen streben gewöhnlich nach einer möglichst günstigen Vorteils-Nachteils-Bilanz,
man darf daher im Normalfall annehmen, daß Menschen sich solange nicht als
Ablehner eines VS zu erkennen geben, wie ihnen hieraus bis auf weiteres wahrscheinlich mehr Nach- als Vorteile erwachsen würden.
Ablehnung durch Wort oder Tat kann durch zusätzliche Nachteile, kurz: "Bestrafung", unterdrückt werden.
Natürlich kann der VS-Verteidiger auch den Verzicht auf öffentliche VS-Ablehnung belohnen. Doch dies ist meist teurer als die Strafstrategie.
Da aus der Befolgung eines prognoseunfähigen VS ständig stärkere Nachteile erwachsen, müssen die VS-Bewahrer ein dauernd wirksames Bestrafungssystem in Gang halten.
Ständig neue Nachteile bewirken einen immer stärkeren Willen, der Quelle der Nachteile den Gehorsam aufzukündigen. Damit dieser Wille sich nicht manifestiert,
muß die Abschreckung durch Strafen immer stärker werden.
Dabei stoßen die Abschrecker aber fast immer auf Grenzen: Die Unterdrückung von VS-Ablehnungen wird immer teurer.
Vor allem aber: Die Ergebnisse der Unterdrückung wirken immer nachteiliger auf die Unterdrücker zurück.
Man denke an die Kosten der 'Gesinnungsüberwachung' und an die wachsende Passivität derer, die nur aus Angst vor Strafe oder Nachteil sich gemäß einem VS verhalten.
Diese Passivität läßt die Leistungen der Großgruppe ständig sinken.
Der Zwang, mit anderen Gruppen konkurrieren zu müssen, verschärft diese Schwierigkeiten.
Die Krise kann auf zwei Arten enden: Die Vorteile offener Rebellion gegen das VS erscheinen den Menschen plötzlich größer als die mit ihr verbundenen Nachteile.
Aus der innerlichen wird offene VS-Ablehnung, innerhalb kürzester Frist. (siehe z.B. Fall der Mauer)
Nur diejenigen Personen bleiben VS-Anhänger, deren Vorteils-Nachteils-Bilanz durch ein neues VS verschlechtert würde,
weil es sie in eine niedrigere gesellschaftliche Position brächte.
Doch wächst die Zahl der offenen VS-Ablehner nicht immer von einem bestimmten Moment an sprunghaft; sie kann auch langsam steigen,
etwa wenn die VS-Verteidiger nur schwache Strafen verhängen können.
Allgemeine Korrelationen zwischen der oben betrachteten y-t-Kurve und der Kurve für das zeitliche Wachstum der offenen VS-Ablehner lassen sich nicht angeben.
Denn die Korrelation wird immer durch die gesellschaftliche Gesamtsituation determiniert. Und diese kann sehr unterschiedlich sein.
Es kann schon bei schwachem Nachteilsdruck günstig sein, seine Ablehnung offen zu zeigen,
es kann aber auch sein, daß sich unter schwersten Nachteilen nicht auszahlt, seine Ablehnung zu bekennen, weil man durch sie Kopf und Kragen riskiert.
Es kann in einem Fall für Untergruppe A günstig sein, aus ihrer Ablehnung keinen Hehl zu machen, und für Untergruppe B nicht; in einer anderen Situation
kann es umgekehrt sein. Zahllose unterschiedliche Situationen sind möglich.
Der Prozentsatz der offenen Ablehner kann so hoch werden, daß das VS in der Gruppe aufhört, Richtschnur des Verhalten zu sein.
Aber er kann auch bei einem so niedrigen Wert stehen bleiben, daß es hierzu nicht kommt.
Zwar lehnen fast alle das bankrotte VS innerlich ab; aber nicht äußerlich, aus Furcht vor Nachteilen.
Der von den VS-Verteidigern für diesen Sieg zu zahlende Preis ist auf die Dauer hoffnungsloses Zurückfallen der Gruppe im Wettbewerb
mit anderen Gruppen und damit die ständige Gefahr, von ihnen "auf kaltem Wege" oder durch einen Gewaltakt gänzlich an die Wand gedrückt zu werden.
Das bewirkt dann schließlich doch noch das Ende des Schuldigen, des VS.