ist das Gras bekanntlich immer grüner
VON NOEL PERRIN
Sicher kennen Sie alle diese Redensart. Sie bedeutet wie der Spruch von den Kirschen in Nachbars Garten, daß man immer das gerne hätte, was man nicht hat.
Beim Tier ist das nicht andersals beim Menschen.
Jede Kuh, jedes Pferd, jedes Schaf und jede Ziege, die ich kannte, versuchte alles, um an das Gras vom Nachbargrundstück heranzukommen.
Sie bilden sich zweifellos ein, daß es besser schmeckt.
Nehmen wir die Lämmer auf meiner kleinen Farm in Vermont.
Vor ein paar Jahren beschloß ich, Energie zu sparen – sowohl meine eigene als auch die für den Rasenmäher –, indem ich eine kleine
Weide für zwei oder drei Lämmer absteckte. Also kaufte ich zwei Rollen Weidezaun.
Ich verstand zwar nicht viel von Schafzucht, wußte aber, daß die Lämmer irgendwann durch den Zaun kriechen
würden und daß sie mit einem Monat klein genug dafür waren.
Eine Zeitlang schienen sie das Gras auf der anderen Seite kaum zu bemerken. Doch als sie drei Monate alt waren, fingen die Schwierigkeiten an.
Das schwarze Lamm, das größte und unternehmungslustigste, entdeckte, daß es den Kopf durch die Drähte zwängen konnte.
Da die Öffnung nur zehn Zentimeter hoch und 15 breit war, gelang es ihm nicht, ihn wieder zurückzuziehen.
Das Tier steckte fest und blökte ängstlich, bis man es befreite.
Nachdem das ein dutzendmal passiert war, begriffen auch die beiden anderen, daß sie so vielleicht das Gras auf der anderen Seite erreichen konnten.
Von da an hörten wir wenigstens einmal am Tag einen wahren Blökchor und fanden die drei Lämmer jedesmal wie arme Sünder am Pranger stehen.
Im nächsten Jahr war ich mit dem Lämmerkauf etwas spät dran, aber ich wollte das Gras im umzäunten Teil nicht zu hoch werden lassen.
(Es wird zäh und ist für einen Lämmermagen dann schwer verdaulich.)
Da ein Freund von mir ein Pferd besitzt und nur eine kleine Weide hat, bot ich ihm an, das Tier bis zur Ankunft der Lämmer zu uns zu bringen.
Ein Zaun von einem Meter Höhe ist für ein Pferd kein Hindernis.
Es wunderte mich also nicht, daß es den größten Teil des ersten Tages damit zubrachte, den Kopf darüberzustrecken und den Rasen abzufressen.
Auf der Weide stand zehn Zentimeter hohes saftiges Gras, während der Rasen nebenan viel kürzer war. Doch er war weniger leicht erreichbar und gerade deshalb so anziehend.
Bis zum Abend hatte das Pferd entlang dem Weidezaun einen etwa meterbreiten Streifen bis zu den Wurzeln abgegrast.
Mir war es recht, denn ich ersparte mir zwei Längen mit dem Rasenmäher.
Trotz der zehn Ar großen saftigen Wiese hatte das Pferd nichts anderes im Sinn als den Rasen außerhalb.
Am nächsten Morgen war der Weidezaun eingedrückt, weil sich das Tier mit aller Kraft dagegengestemmt hatte.
Ich ritt es gleich nach dem Frühstück zu seinem Besitzer zurück und mühte mich zwei Stunden damit ab, den Zaun wieder aufzurichten.
Ein kluger Bauer kann manchmal auch Nutzen aus dem Verhalten seines Viehs ziehen. Mein Nachbar tut das regelmäßig.
Er bringt seine Heuballen so schnell wie möglich unter Dach. Hin und wieder sind aber ein paar Ballen nicht ganz trocken und fangen an, modrig zu riechen.
Kühe mögen Heu mit Modergeruch nicht.
Also benutzt mein Nachbar für einen Teil der Weide einen Zaun mit nur drei statt vier Reihen Stacheldraht, damit die Kühe den Kopf leichter hindurchstecken können.
Davor verteilt er das modrige Heu.
Die Tiere haben zwar schmackhaftes Gras auf der Weide und gutes Heu in der Krippe, doch sie kauen gierig modriges Heu. Mein Nachbar glaubt, den Gedankengang der Kühe zu kennen:
Das Heu ist außer Reichweite, weil der Bauer es uns nicht gönnt. Also muß es besonders köstlich sein.
Deshalb sollten wir versuchen, soviel wie möglich davon zu erwischen, selbst wenn wir uns dabei den Hals am Stacheldraht aufreißen. Und das tun sie.
Ich habe oft den Eindruck, daß Vieh und Menschen viel gemeinsam haben. Nehmen wir zum Beispiel meine beiden Töchter und mich.
Ich bin in einer Vorstadt groß geworden und träumte davon, meine Kinder auf dem Land aufwachsen zu lassen, wo sie Pferde halten konnten.
Es gelang mir, diesen Traum zu verwirklichen. Die Mädchen liebten unsere Pferde; dennoch hatten sie manchmal das Gefühl, etwas zu versäumen.
Als meine Älteste 15 Jahre alt war, sagte sie mit blitzenden Augen zu mir: "Ist dir eigentlich klar, daß es bis zur nächsten Boutique
15 Kilometer sind, bis zum nächsten Kino 20, und daß noch nie eine bekannte Rockgruppe in einem Umkreis von 80 Kilometern gespielt hat?"
Kühen fehlt die Intelligenz der Menschen. Doch bei aller Vernunft plagen sich viele Leute, an das modrige Heu heranzukommen – sei es eine andere Stellung, ein neuer Partner
oder ganz einfach ein Ortswechsel –, obwohl das Gras rings um sie grün und saftig ist.