Unsere Straße

Unsere Straße heißt "Im Apfelgarten". Nach unserem Einzug ins neue Haus wurde ich gefragt, ob unsere Straße auch so schön sei, wie ihr Name. Hier die Antwort:


Wie immer ist Schönes und Häßliches(?) vorhanden, und es ist Einstellungssache, wieviel man wovon zur Kenntnis nimmt, und wie man dazu steht.
Natürlich ist ein Baugebiet anfangs schmuddelig, und wirkt besonders im Winter furchtbar trist. Aber dieser Eindruck bessert sich von Frühjahr bis Herbst, wenn es grünt und blüht. Letztes Jahr hatten wir zB. schräg gegenüber ein ganzes Meer von Goldruten. Es ist wie beim Menschen, wo das gleiche Gesicht abweisend blicken, oder freund­lich lächeln kann.
Die Straßenseiten der Grundstücke sind meist noch vernachlässigt. Das künftige Gesicht unserer Straße zeigt sich zur Zeit erst, wenn man die Grundstücke betritt.
Ich habe mal Aufnahmen der letzten 18 Monate zusammengestellt und ich denke, daß jedes dieser Bilder in ein Phil-Bosmans-Buch passen würde. Dabei sind diese Aufnahmen nur ein müder Abklatsch der Wirklichkeit.
Bewegungen lassen sich schwer, Töne überhaupt nicht fotogra­fie­ren. Vieles fotografieren wir nicht, weil es immer wieder kommt, weil es zu kurz dauert, um den Fotoapparat zu holen, oder weil es einfach so schön ist, daß wir es lieber genießen, statt mit dem Holen des Fotoapparats Zeit zu verschwenden.
Nicht auf den Bildern findet man das Vergnügen, wenn wir im Wohn­zimmer sitzen, und draußen auf der Terrasse schleicht eine Katze vorbei. Wir haben mindestens drei Katzen in der Straße, darunter zwei schwarze (von rechts nach links, Glück bringts). Und unser Grundstück scheint ihr Hauptdurchgangsweg zu sein.
Nicht auf den Bildern findet man das Krötenkonzert, das mich abends in den Schlaf lullt. Letztes Jahr waren sie wohl durch Bauarbeiten gestört, aber dieses Frühjahr sind sie wieder aktiv.
Nicht fotografieren läßt sich der würzige Geruch, den das viele Grün an einem feuchten Morgen verbreitet.
Nicht wiedergeben läßt sich die Szene, wenn die zweijährige Katrin vom Ende der Straße wiedermal auskneift, und allein auf Entdeckungs­reisen geht.
Zu kurz war der Besuch einer Eidechse, die sich eines Tages auf einem Brett neben unserem Rasen sonnte.
Heute spielte sich auf unserem Rasen etwas videoreifes ab: Eine der schwarzen Katzen war offensichtlich auf Grashüpferjagd. Wie sie lauerte, durch die Luft flog, nach scheinbar nichts schlug, Männchen machte, wie ein Kaninchen, das war zu possierlich.

April 1990