Unser Lebensweg läuft (meist) in geordneten Bahnen, auf gewohnten Geleisen.
Unsere Wege werden zunächst von unseren Eltern und von der Gesellschaft vorgezeichnet.
Doch irgendwann müssen wir selbst bestimmen, wohin wir gehen.
Ob wir auf gewohnten Geleisen bleiben, oder neue Wege gehen, neue Erfahrungen und Herausforderungen suchen.
Wir treffen täglich Entscheidungen, und haben täglich die Chance, uns neu zu entscheiden. Ich rede jetzt nicht von banalen Dingen wie die Frage, ob Du heute zu Mittag Nudeln oder Kartoffeln isst. Ich meine Entscheidungen, die das Leben auf längere Zeit grundlegend bestimmen: Welchen Beruf Du wählst bzw. ob Du ihn wechselst, ob Du die Verhütung weglässt, ob Du an einen anderen Ort ziehst, ob Du die Scheidung einreichst ...
Wenn wir die Wahl haben, das gewohnte Gleis zu verlassen, liegt es allein an uns, wie wir uns entscheiden. Eine Weiche ist ja da, damit man den Weg wählen kann. Sonst wäre sie überflüssig. Auch die Entscheidung, nichts zu verändern ist eine Entscheidung.
Wenn wir an eine Weiche herankommen, hat sie irgendeinen eingestellten Zustand. Wir können diesen Zustand annehmen, oder wir können sie verstellen. Es gibt vier Möglichkeiten:
Allerdings ist es nicht immer einfach, neue Wege zu gehen.
Unsere Umgebung kennt unser Verhalten und stellt sich darauf ein. Das sind die Rollen, die wir im Leben spielen.
Dieser Mechanismus ist in der Regel äußerst praktisch. Man erspart einander dadurch die Mühe, sich immer neu einzustellen, in immer
neuen Situationen neue Verständigung herstellen zu müssen. Ohne den gewohnten Trott könnte unsere Welt überhaupt nicht funktionieren,
weil wir unsere Energien in immer neuen Anpassungsversuchen verschleißen würden.
Ein Problem tritt erst auf, wenn jemand sich in seiner Rolle nicht wohlfühlt. Sei es dass er nur hineingedrängt wurde, oder sei es, dass
er sich weiterentwickelt und die früher freiwillig erwählte Rolle nicht mehr zu ihm passt. Wenn er nun seine Rolle verändern, eine
Weiche verstellen möchte, vom gewohnten Weg abschwenkt, wird er ordentlich durchgeschüttelt. Die Umwelt wird aus ihrer Bequemlichkeit
aufgeschreckt und hätte gern den alten Zustand beibehalten. Er wird mit Fragen und Klagen bestürmt (was in den Zwang zur Rechtfertigung
münden kann), oder die Veränderung wird möglichst ignoriert...
Es erfordert einige Kraft, das durchzustehen.
Aber manchmal gibt es Weichen, die besondere Chancen bieten. Man muss sie nur erkennen und nutzen. Ein Beispiel:
Ich war als Kind und Jugendlicher ziemlich introvertiert, zurückhaltend, schüchtern, immer nur im Hintergrund, eine Arbeitsbiene ohne auffällige Eigenschaften.
Das ging bis in die ersten Berufsjahre so. Nach einem Rhetorikkurs wuchs mein Selbstbewusstsein, und mir genügte die Rolle nicht mehr.
Jetzt hätte ich Kräfte sammeln und nach und nach mein Verhalten ändern müssen.
Aber dann wurde ich in eine Nachbarabteilung versetzt. Sie war zwar im gleichen Großraumbüro nur 30 Meter weiter, aber neue Kollegen, die
sich sowieso auf mich neu einstellen mussten. Was lag näher, als dort von Anfang an so zu sein, wie ich künftig sein wollte?
Ich wurde aktiv, organisierte Abteilungsausflüge, ging sogar mit Kolleginnen aus, um den Umgang mit Frauen zu üben (Wesen, die mir bis dahin
völlig unbekannt waren, weil sie von Schule bis Studium in meiner Umgebung fehlten). ...
Die alten Kollegen sahen das aus der Ferne und staunten: "Das ist der Becker?"
Inzwischen habe ich festgestellt, dass solche Chancen gar nicht so selten sind. Sie sind allerdings an Bedingungen geknüpft:
Wer den für ihn besten Weg gehen will, muss immer wieder darüber nachdenken.
Er muss sich bewusst werden, ob er mit seiner momentanen Situation zufrieden ist, und wenn nein, was er denn nun wirklich will.
Und er darf sich nicht in "Wenn..."-Träumen verlieren oder in einer "Egal wie, nur anders"-Flucht.
Nur dann erkennt er den neuen Weg, und die günstige Weiche, die zu ihm führt.
April 2003
Ein Leser hat "den für ihn besten Weg" als "Egoismus ohne Gedanken an andere" interpretiert. Was für eine kurzsichtige Denkweise.
Der Mensch hat einerseits eigene Bedürfnisse, ist aber andererseits ein soziales Wesen. Der beste Weg liegt also weder in Egoismus, noch in Selbstaufgabe, sondern irgendwo zwischendrin.
Schauen wir uns doch mal die beiden Grenzfälle an:
1. Je schlechter es einem Menschen geht, desto weniger Kraft hat er, anderen zu helfen. Die Folgen, wenn Menschen ihre eigenen Bedürfnisse
zu sehr zu Gunsten anderer vernachlässigen, sind inzwischen als Krankheitsbild allgemein bekannt: "Burn-out-Syndrom".
2. Je mehr es einem Menschen besser geht als anderen, desto größer der Neid der anderen, und der Wunsch, ihn wieder auf ihr Niveau
herabzuziehen, und desto größer damit der Aufwand, das abzuwehren.
Ein Extremfall solcher Eskalation war die Französische Revolution, aber im Kleinen lässt sich das alltäglich beobachten.
Der "beste Weg" ist also ein Balanceakt zwischendrin: In erster Linie dafür zu sorgen, dass man sich selbst wohlfühlt (aber aus eigener Kraft, nicht auf Kosten anderer), und dann mit der restlichen Kraft und Zeit anderen zu helfen.