Rabiater Hundebesitzer

Die meisten Hundebesitzer sind tatsächlich vernünftige Menschen. Vereinzelt gibt es leider aber auch Flegel, die meinen ihr Hund dürfe alles und Passanten müssen das erdulden
Hier ist der schlimmste Fall, den ich bisher erlebt habe. Am Besten beginne ich mit dem Text der Anzeige, die ich noch am gleichen Tag an die Polizei schickte:

 

Anzeige wegen Nötigung und Bedrohung

Sehr geehrte Damen und Herren,

Zusammenfassung

Nachdem ich einen angreifenden Hund mit Spray abgewehrt hatte, hat mich der Besitzer angehalten und mir gedroht, er würde mich "platt machen".

Im Detail

Ich war heute, 1. Mai 2002 ca. 11:15 auf meinem regelmäßigen Jogginglauf auf dem Weg entlang des Bachs zwischen Kandeler Schwimmbad und Elsässer Straße. Als ich ca. 50 Meter in den Weg hineingelaufen war, jagte von der Badallee aus ein Hund hinter mir her. Er war zwar nicht besonders groß (kniehoch) aber auch kleine Hunde haben Zähne. Da er trotz Zuruf weder sein Tempo verringerte noch auswich, sondern unbeirrt auf mich losstürmte, fühlte ich mich bei zwei Meter Abstand angegriffen und setzte meinen Abwehrspray ein. (Pfefferspray "Nr. Sicher") Darauf ließ er von mir ab und rannte zurück.
Ich dachte, damit sei die Sache erledigt. Aber

Als ich ca. 11:20 durch die Waldstraße lief, kam mir auf halber Höhe der Straße ein PKW entgegen. Amtliches Kennzeichen GER-CR ###, in Worten: Germersheim Cäsar Richard #### ##### ####.
Plötzlich fuhr er direkt auf mich zu. Ich wich ganz nach rechts bis an die Grundstücksgrenzen aus, worauf er schwungvoll auf den Gehweg fuhr und die Tür aufriss, so dass ich nicht weiter konnte. In dem Moment dachte ich erst an einen Spinner und habe es noch nicht auf mich persönlich bezogen. Als ich jedoch auf die Straße auswich, um auf der anderen Seite weiter zu laufen, stürmte der Fahrer hinten um das Auto herum, schrie, ich hätte seinen Hund angegriffen, und ging aggressiv auf mich los wobei er mich beschimpfte und bedrohte.

Von dem Wortwechsel habe ich nicht mehr viel in sicherer Erinne­rung. Nur die zwei Aussagen:
Erstens, sein Hund sei ganz friedlich und habe nichts von mir gewollt (warum ist er dann so unbeirrt direkt auf mich losge­stürmt?).
Zweitens die Drohung (wörtlich): "Wenn Sie das noch mal machen, mach ich sie platt".
Ansonsten war ich viel zu sehr darauf konzentriert, dass er mir nicht zu nahe kam und nicht unversehens zuschlug. Im Verlauf der ganzen Auseinandersetzung drang er nämlich ständig auf mich ein (Abstand kleiner 1 Meter) während ich ständig zurück­wich. An ihm vorbeizukommen und/oder wegzulaufen war nicht möglich. (Ich vermute, dass er tatsächliche zuge­schla­gen hätte, wenn ich nicht meinen Spray drückbereit in der Hand gehalten hätte.)
Vielleicht gibt es für weitere Details Zeugen, denn unser Wort­wech­sel war so laut, dass vielleicht ein paar Anwohner neugierig aus den Fenstern geschaut haben.

Auf Grund des Gesamteindrucks vom Täter nehme ich die Drohung ernst und fühle mich gefährdet, insbesondere da ich nicht weiß, wer es ist, und so keine Vorkehrungen treffen kann.
Wie immer die Sache weiter verfolgt wird, ich möchte wenigstens, dass seine Personalien festgestellt werden, damit man weiß, wer unter die Lupe zu nehmen ist, wenn mir in den nächsten Wochen oder Monaten etwas passiert. Besser wäre natürlich, ihm die rote Karte zu zeigen, damit mir oder auch anderen nichts passiert.

Mit freundlichen Grüßen

 

In der Anzeige war natürlich die Autonummer vollständig. Die Verkürzung hier ist ein Zugeständnis an Gutmenschen (siehe auch weiter unten).

Weitere Details

Während der Auseinandersetzung habe ich mich darauf konzen­triert, mir zwar wenige wichtige (nämlich gerichtsver­wert­bare) Fakten einzu­prägen, die dafür aber absolut sicher. Nachdem ich die Anzeige abgeschickt habe und in Ruhe die Szene vor dem inneren Auge vorbei­ziehen lassen konnte, sind noch weitere zuverlässige Erinne­run­gen hinzuzufügen:

Zu Beginn beschränkte sich der Täter ziemlich primitiv auf Schimpfen, Drohen und auf-mich-eindringen.
Nachdem ich mich von meiner Überraschung erholt hatte, fiel mir ein, dass ich ja für eine Anzeige Daten haben muss. Also las ich als erstes (typisch Informatiker) die Autonummer ab. Mehrmals, laut und deut­lich, einerseits um sie mir absolut sicher einzu­prägen, andererseits um dem Täter zu signalisieren, dass er nicht unerkannt davonkommt.
Er antwortete zwar trotzig, ich könne mir die Nummer ruhig merken, aber es schien ihm doch den Schwung zu nehmen. Er ging darauf hin mit seinen Verbalattacken zu Aussagen über, die man mit sehr viel gutem Willen als Argumentation interpretieren könnte:
Er sagte,

Bei Gesprächen über den Vorfall hat jemand das Stichwort "Affekt" ins Spiel gebracht. Also nee!
Zwischen der Abwehr des Hundes und dem Überfall waren ca. 5 Minuten. In dieser Zeit musste der Täter um ein Waldstück herum­fahren und ständig mehrere Straßen patrouillieren, um mich zu finden. Das zeigt ein derartig überlegtes, planmäßiges und zielstrebiges Handeln, dass von Affekt keine Rede sein kann.

Ich bin nach dem Vorfall einige Tage nur mit dem Abwehrspray in der Tasche aus dem Haus gegangen. Schließlich war zu befürchten, dass mir der Täter irgendwo begegnet und doch noch gewalttätig wird. Nachdem ich den Namen erfahren und der Polizei gefaxt habe, beschränkte sich die Vorsichtsmaßnahme nur noch auf Besorgungen innerhalb von Kandel.

Meiner Ansicht nach angemessene Konsequenzen

Selbst wenn ich objektiv den Hund falsch behandelt hätte (was ich nicht finde), hätte der Halter allenfalls versuchen können, zivil- oder strafrechtlich gegen mich vorzugehen. (Meine Personalien hätte er ohne weiteres bekommen, sogar von mir selbst).
Faustrecht dagegen ist in einem Rechtsstaat absolut indiskutabel. Gewalt ist nur legitim zur Abwehr einer akuten Bedrohung (Notwehr), sowie – soweit nötig – für unsere staatlichen Organe zur Erfüllung ihrer Aufgaben.

Am 11.7., also nach 10 Wochen. erhielt ich von der Staats­an­walt­schaft Landau die Mitteilung, dass das Verfahren eingestellt wurde, weil "die Schuld als gering anzusehen wäre und kein öffentliches Interesse an der Verfolgung der Tat besteht".
Dass es schlimmere Fälle gibt, und die Behörde sich lieber auf diese konzentriert, könnte ich noch verstehen, selbst wenn ich es als widersprüchlich empfinde, dass z.B. Geschwindigkeits­über­schrei­tun­gen ohne Menschengefährdung rigoros bestraft werden, während eine vorsätzliche Bedrohung straflos bleibt.
Aber das öffentliches Interesse zu verneinen, empfinde ich als bürgerfeindlich. Wer ist denn die Öffentlichkeit? Doch wir alle. Und haben wir nicht alle ein Interesse daran, dass wir uns in der Öffent­lich­keit sicher und ohne Angst bewegen können?

Die Folge ist, dass ich mich künftig nicht mehr auf unseren "Rechts­staat" verlasse. Wenn ich jemals wieder angegriffen werde, werde ich keinerlei Rücksicht auf den Täter nehmen, sondern rigoros mein Recht auf Notwehr auch gegen Menschen nutzen, damit er nicht wieder ungeschoren davonkommt.
Erst wenn Täter gefährlicher leben, als ihre Opfer, werden sie sich etwas bremsen.

Der Täter

Zwei Tage nach dem Vorfall und der Anzeige erfuhr ich von einem Anwohner, der den Täter erkannt hat. Demnach handelt es sich beim Täter um einen gewissen U.K., ca. 40 Jahre und Choleriker.
Soviel würden die Zeitungen auch veröffentlichen, und das genügt auch hier. In Kandel kommt die Geschichte sowieso mit Name herum, schließlich sind wir eine Kleinstadt. Und Auswärtige haben nichts davon, wenn sie die Identität wissen.
Wenn ich den kompletten Namen angebe (wogegen AFAIK kein Gesetz spricht, solange ich wahrheitsgemäß berichte) wäre der einzige Nutzeffekt, dass sich wieder ein paar Gutmenschen empören, denen der "gute" Ruf eines Täters wichtiger ist, als das Schicksal seiner früheren und potenziellen künftigen Opfer. Täter be­nennen hilft anderen potenziellen Opfern, sich in Acht zu nehmen.

Der Täter ist inzwischen verstorben.

Allerdings bin ich gern bereit, auf Anfrage individuelle Auskunft zu geben, z.B. wenn jemand ähnlichen Zoff hatte und nicht weiß, wie er den Täter finden soll. Könnte ja derselbe sein.

Aber etwas ist doch noch interessant:

Der Täter steht im Telefonbuch nur mit abgekürztem Vornamen und ohne Adresse. Ich vermute, er hat sich schon öfter Zoff einge­handelt und fürchtet, von einem Opfer mit einem Temperament ähnlich dem seinen aufgelauert und aufgemischt zu werden.

Und der Anwohner hat mir später mitgeteilt, dass er nicht aus­sagen würde. Seine Äußerungen, auch seine Wertung des Vorfalls, waren plötzlich ganz andere als vorher. Ich vermute, dass er Angst bekommen hat.
Merke: Wer am Stammtisch oder im Kaffeekränzchen eine große Klappe hat, hat nicht unbedingt auch im Ernstfall Zivilcourage.

Der Hund

Als der Hund auf mich zustürmte, war er schlecht einzuschätzen, und ich musste zu meiner Sicherheit das Unangenehmste annehmen und ihn abwehren. Aber das kluge Tier hat die Situation bestens gemeistert:
Als es die Pfefferwolke kommen sah, ließ es sich auf den Bauch fallen, kam rutschend zum Stillstand, wendete und rannt zurück, noch bevor die Wolke auf seine Höhe herabgesunken war. Es hat allenfalls Spuren davon abbekommen.
Dieses Geschick lässt vermuten, dass er mit einer derartige Situation bereits Erfahrung hat.

Während der kurzen Brems- und Standphase konnte ich den Hund endlich besser betrachten: Er machte einen verspielten Eindruck und hatte noch diese Rundungen, die jungen Tieren und Menschen eigen sind ("Kindchenschema"). Unter anderen Umständen hätte ich ihn goldig gefunden (obwohl der optische Eindruck täuschen kann, schließlich können auch goldig aussehende Tiere neurotisch sein).

Möglicherweise hat der Hund wirklich nur die Gewohn­heit, jeden x-beliebigen Menschen anzuspringen, um zu spielen. Aber erstens weiß man das bei einem fremden Hund nicht, und zweitens es ist das Recht jedes Menschen, selbst zu entscheiden, wann und bei welcher Gelegen­heit er das zulässt. Ein Hundehalter hat dem Hund beizubringen, das zu respektieren, was hier offensichtlich nicht geschehen ist.
Hundehalter die das nicht verstehen (wollen), sollten sich mal über­le­gen, ob es ihnen Recht wäre, wenn auf der Straße ein x-belie­bi­ger Mann sie bzw. ihre Lebensgefährtin plötzlich in den Arm nimmt und abknutscht. ("Ich will doch nur spielen.")
Hör ich da den Einwand, dass ein Hund schließlich nicht soviel Verstand hat, wie ein Mensch? Ein Hund (vielleicht) nicht, aber der Halter sollte ihn haben. Bei manchen Hund/Halter-Paaren habe ich allerdings das Gefühl, dass der Hund immer noch der klügere ist.

Dieser Hund ist zu bedauern, dass er einen solchen Besitzer hat. Wenn er nicht erzogen wird, sondern weiter Passanten belästigt, werden die hilflosen unter den Opfern eine Wut auf "die" Hunde und Halter entwickeln, während die wehrhaften den Hund auf mehr oder weniger unangenehme Weise abwehren, während der schuldige Halter ungeschoren davon kommt.

Mobbing

Dieser Abschnitt hat jetzt nicht mehr unmittelbar mit dem eigentlichen Fall zu tun, sondern wirft ein Licht auf Elemente unserer Gesellschaft die solche Täter schützen und fördern.

Nachdem ich in der Kaffeerunde im Büro von meinem Erlebnis erzählt hatte, fand ich am übernächsten Morgen an meinem Arbeitsplatz neben den Bildern meiner Kinder und meiner Meerschweinchen das Bild eines schlafenden kleinen Hundes, richtig süß, aber mit der Aufschrift "Vorsicht bissig". Diese Bild sollte offensichtlich den Eindruck erwecken, dass ich keinen Unterschied zwischen harmlosen und gefährlichen Hunden mache, und sollte mich ärgern.
Natürlich war das Bild in meiner Abwesenheit angebracht worden. Schließlich wissen auch Hundefreunde, dass Hunde und Hunde­hal­ter keinen Menschen angreifen oder auch nur belästigen dürfen. Sie wollen nur, dass es stillschweigend geduldet wird. Bei dieser Einstellung sind Mittel wie Drohungen, Polemik, Mobbing... (vorzugsweise anonym) nichts außergewöhnliches.

Ich habe das Bild abgenommen, aber als Beweismittel aufgehoben, weil ich ahnte, wie es weitergeht:
Als ich von der Mittagspause zurückkam, erwischte ich den Kollegen, den ich bereits in Verdacht hatte, wie er dieses Bild erneut aufhängen wollte. Diesmal mit der Aufschrift "Achtung Kampfhund".
Ich hab ihn erst mal zusammengeschissen und gesagt, dass dieses Bild für mich Polemik ist.

Für den Kollegen war es wohl ein Glück, dass ich ihn erwischt habe. Derartig polemische Bilder wiederholt zwischen meine eigenen zu hängen diente eindeutig dazu, mich zu entnerven, und hätte auf Dauer den Tatbestand des Mobbings erfüllt, was üblicherweise arbeitsrechtliche Konsequenzen nach sich zieht.

Späteres

Nach einigen Monaten fiel mir auf, dass die Begleiter der Hunde, die mir begegneten, besser auf ihre Hunde achteten. Offen­sicht­lich hatte sich herumgesprochen, dass Rücksichts­losig­keit nicht beliebig ausarten darf. Allerdings war es wieder so, dass gerade die Begleiter der bravsten Hunde am vorsichtigsten, ja geradezu ängstlich waren. Es ist schon komisch, wenn nicht der Hunde­besit­zer ruft "Der tut nix", sondern der Läufer beruhigend rufen muss "Ihrer ist harmlos".

Weniger amüsant war, was ich ein paar Jahre später erlebte:
Meine Frau und ich waren zu einer größeren Feier eingeladen. Wenige Tage vor der Veranstaltung wurde die Einladung zurückgenommen, weil der Täter ebenfalls eingeladen war, und die Gastgeberin einen Eklat befürchtete.
Für mich persönlich war mir das nicht unlieb. Meine Frau hatte mir in den Ohren gelegen, mir einen neuen Anzug zuzulegen, weil alle ande­ren Männer auch im Anzug kämen, und ich habe daraus geschlossen, dass der Abend relativ förmlich und langweilig werden würde.
Aber mit Blick auf die menschliche Gesellschaft finde ich die Entschei­dung fatal. Ich habe ja Verständnis für die Sorge der Gastgeberin. Aber wenn bei der Wahl zwischen Täter und Opfer der Täter bevorzugt wird, dann signalisiert das, dass Aggression toleriert und Gegen­wehr abgelehnt wird. Das ermutigt Aggressoren und entmutigt Menschen mit Zivilcourage. Es ist ein zerstö­reri­sches Signal für die Gesellschaft.
Der Fall war eigentlich längst für mich abgeschlossen. Aber nun sehe ich mich verpflichtet, ein Gegensignal zu setzen. Auf welche Weise hängt davon ab, welche legalen Möglichkeiten sich mit der Zeit ergeben.

Ansichten und Argumente zum Thema Hund und Mitmensch

Siehe Ansichten -> Über Köter und Jogger.