Klingelmännchen

oder

wie der Wespenpudding erfunden wurde

Am Tag unserer Rückkehr vom Osterurlaub waren wir von der Reise und dem anschließenden Aufräumen ziemlich ko. Da klingelte es. Aber niemand war vor der Tür. Kurz darauf das Gleiche. Beim dritten Mal rief Gabi raus: "Beim nächsten Mal kracht's!". Kurze Zeit später saß ich im Arbeitszimmer neben dem Hauseingang, da klingelt es wieder, und ich sah die sechsjährige Rita aus der Nachbarschaft am Fenster vorbeirennen. Ich lief zur Tür und rief in die Landschaft: "Rita, du kommst sofort her!". Natürlich kam sie nicht. Also zog ich Schuhe an und ging sie suchen. Ich fand sie in Tränen aufgelöst auf einem Nachbargrundstück.
Eigentlich hätte ich jetzt mit dem an sich aufgeweckten Mädchen vernünf­tig reden und sie mit einer Ermahnung laufen lassen sollen/ wollen. Aber gute Absichten sind manchmal schwer zu verwirklichen, wenn andere Leute auch welche haben: Da stand nämlich eine andere Nachbarin und versuchte gleich mich zu besänftigen. So konnte ich mich nicht auf das Gespräch mit Rita konzentrieren. Als die sich verteidigte, dass der Kurt (der Sohn der dabeistehenden Nachbarin) ja auch mitgemacht habe, wollte ich ihr klarmachen, dass sie ja selbst denken kann und nicht jeden Unfug mitmachen muss. Dabei begann ich den Satz ungeschickt mit "Wir wissen, dass der Kurt ungezogen ist, aber...". Worauf dessen Mutter gekränkt fragte, ob ich wirklich dieser Meinung sei. Und ihr Kurt tue so was nicht, dazu sei er zu ängstlich. Na ja, ich nahm es also zurück und beendete das Gespräch mit der einseiti­gen Erklärung an Rita, dass wir von der Reise müde seien, unsere Ruhe haben wollten und deshalb jetzt Schluss sein müsse.
(Was den Kurt betrifft, glaubte ich beiden. Ich habe Gründe anzuneh­men, dass er Rita angestiftet hatte, ohne selbst mitzu­machen.)

Es ging noch weiter: Einige Zeit später klingelt es wieder, und Ritas Vater stand vor der Tür. Nein, es gab keinen Krach, er war vielmehr neugierig. Rita war heulend heimgekommen "Zu Beckers geh ich nie mehr. Nie nie mehr...". Und sie wollte nicht mal, dass er herüber­kommt, um uns unseren Schlüssel zu bringen (die Familie hatte als wir weg waren unser Haus gehütet). Er hatte aus ihr nur das mit dem Klingeln herausbekommen, und ihr selbst auch gesagt, dass das eben Ärger gibt. Wir tauschten unsere Informa­tio­nen aus, und ich lud die beiden (der Rest der Familie war verreist) für nächsten Tag zum Mittagessen bei uns ein. Damit sie merkt, dass das Monster harmlos ist. Ich kochte sogar Wespenpudding, eine Erfindung, die mir spontan in den Sinn kam. Beim Essen war sie anfangs noch etwas befangen (ich auch), aber das legte sich schnell.
Schon kurz darauf hat sie zweimal bei unseren Kindern übernachtet. Und die Scheu, die sie vor der Geschichte vor mir hatte, war auch weg. Bald wurde sie die beste Freundin meiner Tochter.

Ostern 1994