Ein Besuch bei Scientology

Eines Tages war im Briefkasten eine Postwurfsendung mit dem An­ge­bot eines kostenlosen Dianetik-Persönlichkeitstests. (Wer sich dahinter verbirgt, wusste ich damals schon.) Ich schickte ihn ein. Irgendwann kam ein Anruf, der mich zu einem Auswer­tungs­gespräch nach Stuttgart einlud. Das habe ich abgelehnt und eine Bearbeitung in Karlsruhe verlangt, denn warum soll ich weit fahren, wenn die Scientologen ein Büro dort haben, wo ich ohne Aufwand hinkomme? Das wurde sofort akzeptiert.

Natürlich war ich vorsichtig. Ich rechnete damit, dass mein Gesprächs­part­ner sich benähme wie eine Kreuzung aus Jehovas Zeuge und Versicherungsvertreter. Diese Einschätzung war richtig, ebenso wie die Sicherheit, dass ich dem widerstehen könne. Trotzdem war ich noch vorsichtiger und deponierte vor dem Gespräch mein Geld samt Kreditkarten, meine Ausweise (sogar Führerschein) und meinen Hausschlüssel in der Wohnung meiner Schwiegermutter, steckte mir dafür einen Abwehrspray ein.
Als ich kam, musste ich etwas warten, weil der Scientologe meine Testantworten erst ins Auswerteprogramm eintippen musste. Schlechte Organisation, oder ein Vorwand, mir Informa­tions­mate­rial vorzulegen? Als das Gespräch begann, redete er erst mal lang über Scientology, über ihre Ziele und wie und warum sie verfolgt würden. Als seine Ausführungen Anzeichen von Paranoia bekamen wurde es langweilig. Ich sah auf die Uhr, es waren schon 50 Minuten vergangen. In Anbetracht des Zeitverlustes habe ich jetzt für den Rest des Gesprächs darauf geachtet, die Kontrolle zu bekommen und zu behalten. Erfolgreich, denn wenn es auch Abschweifungen gab, die ich aus Interesse mitmachte, führte ich ihn doch immer wieder auf die Besprechung meines Tests zurück, auch in Detailfragen. Das Testergebnis war überraschend genau, nur die Verwendung von Begriffen wich von der Bedeutung in der Umgangssprache ab, so dass ich immer wieder genauer nachfragen musste.

Auf Grund des Ergebnisses versuchte mein Gesprächspartner, mir Kurse anzubieten. Aber ich kaufe keine Katze im Sack. Ich sagte sofort, dass seine Angebote bei mir mit dem auf dem freien Markt erhältlichen konkurrieren müssen. Zur Beurteilung brauche ich etwas Informationsmaterial und Preise. Darauf wollte er mir vier Broschüren über Kurse geben, die aber auch je sieben Mark gekostet hätten. Nun reichte es mir, und ich würgte weitere Versuche mit dem Hinweis ab, dass ich ja kein Geld dabei habe. Seine ungläubige Reaktion konterte ich mit Erwähnung meiner übrigen Sicherheitsmaßnahmen. Damit war unser Gespräch zu Ende, und er gab mir nur noch etwas Informationsmaterial mit. Das reine Gespräch über den Test dauerte übrigens tatsächlich gerade so lang, wie ich vorher geschätzt hatte. Nur mit den 50 Minuten vorher hatte ich nicht gerechnet.

Die Tatsache, dass es mir bei einem so geschulten Gegner eine Stunde gelang, die Kontrolle über das Gespräch zu behalten, hat mir gewaltig Auftrieb gegeben. Das war einer von mehreren Gewin­nen aus diesem Abenteuer. Außerdem zog ich aus dieser Wirkung die Erkenntnis, dass ich mehr an meinem Selbst­bewusst­sein auf dem Gebiet der Kommunikation arbeiten müsse (nicht an den Techniken, die hatte ich schon intus).
Bei der ganzen Geschichte habe ich mich köstlich amüsiert, auch wenn es anstrengend war.

Fazit: Die Scientologen sind nicht gefährlicher als irgendeine andere Interessengruppe. Man muss halt nur die Kontrolle über sich behalten. Wer das nicht kann, ist anderen Religionen oder Versiche­rungs­ver­tre­tern gegenüber genauso hilflos. Der eine Kurs, der im Informationsmaterial beschrieben wurde, hatte einen ange­mes­se­nen Preis, wobei ich die sonst übliche Leistung unterstelle. Man muss halt – wie bei anderen Anbietern auch – die Angebote einzeln prüfen und seine eigene Entscheidung treffen. (Ich habe es dann vorgezogen, entsprechende Kurse bei Stiftungen der politischen Parteien zu besuchen, die waren billiger bei guter Qualität.)

August 1995