Schillers Bim Bam

Als ich in Ruhestand ging, hatte durch die Arbeitsbedingungen der letzten Jahre meine Konzentrationsfähigkeit beträchtlich gelitten. Um sie wieder zu trainieren, habe ich beschlossen, Schillers "Lied von der Glocke" auswendig zu lernen. (Und meine Frau, die mich abhörte, hat dann Blut geleckt und mit gelernt.)

Aber wie das nun mal bei mir ist: Bei allem, was ich sehe und höre purzeln mir Assoziationen durch den Kopf. Und so ist neben dem gelungenen Konzentrationstraining nebenbei auch ein kabarett­reifer Vortrag entstanden.

In der Tabelle findet Ihr:

  1. Themenfarbe. Das Gedicht ist ja eine Mischung aus Glocken­herstellung (schwarz), Geschichten aus dem Leben (grün) und allgemeiner Philosophie (rot)
  2. Sprecher. Optimal ist, wenn das Ganze von einem Paar vor­ge­tragen wird. Die Farben sind entsprechend himmelblau und rosa. (Beim Ausdrucken müsst Ihr die Hintergrundfarben mit drucken. Beim IE -> Internetoptionen -> Erweitert -> Drucken)
  3. Originaltext. Die Stellen, wo Abschweifungen berück­sichtigt werden müssen, sind mit einer Linie markiert.
  4. Rechts daneben: Abweichende Texte und Regieanweisungen.
    Assoziationen, die von mir im Vortrag nicht genutzt werden, sind zwar ergänzend aufgeführt, aber ohne Hinweislinie.

Das Gedicht enthält im Original 422 Zeilen.

Nach ca. sieben Monaten, am 19.8.2009 nachmittags konnte ich endlich das komplette Gedicht fehlerfrei aufsagen.

Aber schon lange vorher und einige Zeit nachher war mir der Stil so im Blut, dass ich die Neigung hatte, Alltagsgedanken im Glocke-Stil zu formulieren. Z.B. am Morgen nach der Rückkehr von einem Forum, bei dessen Buntem Abend wir den Vortrag brachten, und das in einem Kloster mit morgendlichem Glockenklang stattfand:
Langsam hell wird der Himmel
Und ich lieg auf der Matratze.
Statt des Morgens Turm Gebimmel
Maunzt im Treppenhaus die Katze.

   

Festgeerdet in der Mauer
steckt der Blitzableiter hier
Und der Elektriker ist sauer,
Den er kriegt dafür kein Bier

Wir wollten doch heute die
klassiche Fassung bringen


Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Heute muss die Glocke werden.
Frisch Gesellen, seid zur Hand.
      1
   

Blatt 1

Von der Stirne heiß
Rinnen muss der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben,
Doch der Segen kommt von oben.
      2
   

[Die nächsten 3 Strophen
leiernd vortragen]


Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fließt die Arbeit munter fort.
      3
    So lasst uns jetzt mit Fleiß betrachten,
Was durch die schwache Kraft entspringt,

[Leierkasten-
Kurbel-
bewegungenen]


Den schlechten Mann muss man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
      4
    Das ist's ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Dass er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.
      5
    Nehmet Holz vom Fichtenstamme,
Doch recht trocken lasst es sein,
Dass die eingepresste Flamme
Schlage zu dem Schwalch hinein.
      6
   

Kocht Kartoffelbrei
Schnell die Milch herbei
Dass die gute Mittagsspeise
Schmecke nach der rechten Weise

Du denkst wohl nur ans Essen
[und macht mit Original weiter]


Kocht des Kupfers Brei,
Schnell das Zinn herbei,
Dass die zähe Glockenspeise
Fließe nach der rechten Weise.
      7
    Was in des Dammes tiefer Grube
Die Hand mit Feuers Hilfe baut,
Hoch auf des Turmes Glockenstube
Da wird es von uns zeugen laut.
      8
    Noch dauern wird's in späten Tagen
Und rühren vieler Menschen Ohr
Und wird mit dem Betrübten klagen
Und stimmen zu der Andacht Chor.
      9
    Was unten tief dem Erdensohne

[Deutlich artikulieren:]
Das wechselnde
Verhältnis bringt,

Wie bitte?


Das wechselnde Verhängnis bringt,
Das schlägt an die metallne Krone,
Die es erbaulich weiter klingt.
      
   

Blatt 2

Weiße Blasen seh ich springen,
Wohl! Die Massen sind im Fluss.
Lasst's mit Aschensalz durchdringen,
Das befördert schnell den Guss.
      11
   

Auch vom Schaume rein,
Muss der Maßkrug sein,
Dass auf dem Boden,
nach dem Falle,
Schwer und voll der Trinker lalle.

??????????????


Auch von Schaume rein
Muss die Mischung sein,
Dass vom reinlichen Metalle
Rein und voll die Stimme schalle.
      12
    Denn mit der Freude Feierklange
Begrüßt sie das geliebte Kind
Auf seines Lebens erstem Gange,
Den es in Schlafes Arm beginnt;
      13
    Ihm ruhen noch im Zeitenschoße
Lotterielose
wusste ich nicht
passend einzubauen.
Die schwarzen und die heitern Lose,
Der Mutterliebe zarte Sorgen
Bewachen seinen goldnen Morgen. -
      14
    Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.
      15
    Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,
Er stürmt ins Leben wild hinaus,
Durchmisst die Welt am Wanderstabe.
Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus,
      16
    Und herrlich, in der Jugend Prangen,
Wie ein Gebild aus Himmelshöhn,
Mit züchtigen, verschämten Wangen
Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.

Wobei die Formulierung grammatikalisch
keinerlei Aufschluss darüber gibt,
wer die züchtigen, verschämten Wangen hat.


      17
    Da faßt ein namenloses Sehnen
Des Jünglings Herz, er irrt allein,
Aus seinen Augen brechen Tränen,
Er flieht der Brüder wilder Reihn.
      18
    Errötend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem Gruß beglückt,
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmückt.
      19
    O! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit,
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit.
      20
    O! dass sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!
      21
   

Wenn die braunen Pfeifen träumen,
Dass sie ins Parlament ziehn ein
So mit verglasten Augen scheinen
Sie ziemlich weltfremd mir zu sein

Wir sind hier nicht im Wahlkampf


Wie sich schon die Pfeifen bräunen!
Dieses Stäbchen tauch ich ein,
Sehn wir's überglast erscheinen,
Wird's zum Gusse zeitig sein.
      22
   

Blatt 3

Jetzt, Gesellen, frisch!
Prüft mir das Gemisch,
Ob das Spröde mit dem Weichen
Sich vereint zum guten Zeichen.
      23
    Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.

[Kunstpause, denn viele werden eine Variante kennen
"Ob sich nicht nochwas bess'res findet"
Je nach Reaktion des Publikums dann vielleicht:]
Habt Ihr hier was anderes erwartet?
...
Schämt Euch, wir machen hier einen ernsten Vortrag.


      24
   

[Deutlich artikulieren,
dann ohne Korrektur weiter]
Lieblich in der Bräute Socken


Lieblich in der Bräute Locken
Spielt der jungfräuliche Kranz,
Wenn die hellen Kirchenglocken
Laden zu des Festes Glanz.
      25
    Ach! des Lebens schönste Feier
Endigt auch den Lebensmai,
Mit dem Gürtel, mit dem Schleier
Reißt der schöne Wahn entzwei.

Muss ja eine tolle Hochzeitsnacht sein,
wenn die Sachen entzweireißen.

[Macht kommentarlos weiter]


      26
    Die Leidenschaft flieht!
Die Liebe muss bleiben,
Die Blume verblüht,
Die Frucht muss treiben.
      27
    Der Mann muss hinaus Ins feindliche Leben,
Muss wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
Muss wetten und wagen,
Das Glück zu erjagen.
      28
    Da strömet herbei die unendliche Gabe,
Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,
Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.

[Blick nach unten auf den Bauch]
Gilt das auch für den Hausherrn?

Soll vorkommen.


      29
   

Blatt 4

Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,

Moment mal. Wenn sie züchtig ist,
wo kommen dann die Kinder her?

Züchtige Leute machen's auch.
Nur eben im Dunkeln.

Echt? Das geht auch?


Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
      30
   

Mädchen fördern, Jungs behindern.
Feminismus schon zu Schillers Zeiten.

Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn.
      31
    Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,
Zur schnurrenden Katze
ist mir kein passender
Text eingefallen.
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein,
Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer.
      32
    Und der Vater mit frohem Blick
Von des Hauses weitschauendem Giebel
Überzählet sein blühendes Glück,
Siehet der Pfosten ragende Bäume
Und der Scheunen gefüllte Räume
Und die Speicher, vom Segen gebogen,

Was würden die Statiker
der heutigen Bauämter
dazu sagen!


Und des Kornes bewegte Wogen,
      33
    Rühmt sich mit stolzem Mund:
Fest, wie der Erde Grund,
Gegen des Unglücks Macht
Steht mir des Hauses Pracht!
      34
    Doch mit des Geschickes Mächten
Ist kein ewger Bund zu flechten,
Und das Unglück schreitet schnell.
      35
   

[Wer mal einen Knochenbruch
hatte, von dem das Publikum
weiß, kann hier demonstrativ
auf die Stelle klopfen.]

Wohl! nun kann der Guß beginnen,

Schön gezacket ist der Bruch.
Doch bevor wir's lassen rinnen,
Betet einen frommen Spruch!

Die letzten zwei Zeilen haben mir so gefallen,
dass sie jetzt zu Hause über unserer Toilette hängen.


      36
   

Blatt 5

Stoßt den Zapfen aus!
Gott bewahr das Haus!
Rauchend in des Henkels Bogen
Schießt's mit feuerbraunen Wogen.
      37
    Wohtätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
Und was er bildet, was er schafft,
Das dankt er dieser Himmelskraft,
      38
    Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft,
Einhertritt auf der eignen Spur
Die freie Tochter der Natur.
      39
   

Bei den Zeilen muss ich immer an
kleine Kinder im Supermarkt denken.

Wehe, wenn sie losgelassen
Wachsend ohne Widerstand

Durch die volkbelebten Gassen
Wälzt den ungeheuren Brand!
Denn die Elemente hassen
Das Gebild der Menschenhand.
      40
    Aus der Wolke
Quillt der Segen,
Strömt der Regen,
Aus der Wolke, ohne Wahl,
Zuckt der Strahl!
      41
    Hört ihr's wimmern hoch vom Turm?
Das ist Sturm!
Rot wie Blut
Ist der Himmel,
Das ist nicht des Tages Glut!
Welch Getümmel
Straßen auf!
Dampf wallt auf!
Flackernd steigt die Feuersäule,
Durch der Straße lange Zeile
Wächst es fort mit Windeseile,
      42
   

Blatt 6

Kochend wie aus Ofens Rachen
Glühn die Lüfte, Balken krachen,
Pfosten stürzen, Fenster klirren,
Kinder jammern, Mütter irren,
Tiere wimmern
Unter Trümmern,
Alles rennet, rettet, flüchtet,
Taghell ist die Nacht gelichtet,
      43
    Durch der Hände lange Kette
Um die Wette
Fliegt der Eimer, hoch im Bogen
Spritzen Quellen, Wasserwogen.
Heulend kommt der Sturm geflogen,
Der die Flamme brausend sucht.
      44
    Prasselnd in die dürre Frucht
Fällt sie, in des Speichers Räume,
In der Sparren dürre Bäume,
Und als wollte sie im Wehen
Mit sich fort der Erde Wucht
Reißen, in gewaltger Flucht,
Wächst sie in des Himmels Höhen
Riesengroß!
      45
   

Weicht der Mensch der Götterspeise,
Müßig sieht er seine
Moment, da stimmt der Reim nicht.
Weicht der Mensch der Speisestärke,
Müßig sieht er seine Werke, und

Schon wieder falsch.
Immer wieder Bier und Essen.
Kein Wunder, dass sich der Hausherr dehnt,
wenn du immer nur an das eine denkst.

[Jetzt richtig weiter] Hoffnungslos ...

Hoffnungslos

Weicht der Mensch der Götterstärke,
Müßig sieht er seine Werke
Und bewundernd untergehn.
      46
    Leergebrannt
Ist die Stätte,
Wilder Stürme rauhes Bette,
In den öden Fensterhöhlen
Wohnt das Grauen,
Und des Himmels Wolken schauen
Hoch hinein.
      47
    Einen Blick
Nach dem Grabe
Seiner Habe
Sendet noch der Mensch zurück -
Greift fröhlich dann zum Wanderstabe.

[Emphatisch:]
Das ist Lebensstil.


Was Feuers Wut ihm auch geraubt,
Ein süßer Trost ist ihm geblieben,
Er zählt die Haupter seiner Lieben,

Und sieh, es sind
statt sechse, sieben.

BimBam!


Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt.
      48
   

Blatt 7

In die Erd ist's aufgenommen,
Glücklich ist die Form gefüllt,
Wird's auch schön zutage kommen,
Dass es Fleiß und Kunst vergilt?
      49
    Wenn der Guss misslang?
Wenn die Form zersprang?
Ach! vielleicht indem wir hoffen,
Hat uns Unheil schon getroffen.

Immer diese Bedenkenträger


    Dem dunkeln Schoss der heilgen Erde
Vertrauen wir der Hände Tat,
Vertraut der Sämann seine Saat
Und hofft, dass sie entkeimen werde
Zum Segen, nach des Himmels Rat.
      51
    Noch köstlicheren Samen bergen
Wir trauernd in der Erde Schoß
Und hoffen, dass er aus den Särgen
Erblühen soll zu schönerm Los.
      52
    Von dem Dome, schwer und bang,
Tönt die Glocke, Grabgesang.
Ernst begleiten ihre Trauerschläge
Einen Wandrer auf dem letzten Wege.
      53
   

Diese Wortähnlichkeit
aber es ist leicht zu merken:
Mütter sind treu
Gattinnen sind teuer

[Kommentarlos weiter]

Ach! die Gattin ist's, die teure,
Ach! es ist die treue Mutter,

Die der schwarze Fürst der Schatten
Wegführt aus dem Arm des Gatten,
      54
    Aus der zarten Kinder Schar,
Die sie blühend ihm gebar,
Die sie an der treuen Brust
Wachsen sah mit Mutterlust -
      55
    Ach! des Hauses zarte Bande
Sind gelöst auf immerdar,
Denn sie wohnt im Schattenlande,
Die des Hauses Mutter war,
      56
    Denn es fehlt ihr treues Walten,
Ihre Sorge wacht nicht mehr,
An verwaister Stätte schalten
Wird die Fremde, liebeleer.

Was hätte Rosamunde Pilcher aus diesem Stoff gemacht!
Mindestens drei Erfolgsfilme, mit einem Honorar
ausreichend für ein hochherrschaftliches Haus.

oder gemeinsam im Duett singen:
Rosamunde, mach daraus doch nen Roman.
Rosamunde, das kommt beim Publikum an.
Rosamunde, rechtlich ist auch nichts dabei,
denn da Schiller lang schon tot ist,
ist der Stoff längst wieder frei.


      57
   

Blatt 8

Bis die Glocke sich verkühlet,
Lasst die strenge Arbeit ruhn,
Wie im Laub der Vogel spielet,

Am Vogel, der im Laube spielet,
Mag sich die Katze gütlich tun.

Mag sich jeder gütlich tun.
      58
    Winkt der Sterne Licht,
Ledig aller Pflicht
Hört der Pursch die Vesper schlagen,
Meister muss sich immer plagen.

Ach die armen Manager.


    Munter fördert seine Schritte
Fern im wilden Forst der Wandrer
Nach der lieben Heimathütte.
      60
    Blökend ziehen heim die Schafe,
Und der Rinder
Breitgestirnte, glatte Scharen
Kommen brüllend,
Die gewohnten Ställe füllend.

Es ist Feierabend, Berufsverkehr.


    Schwer herein
Schwankt der Wagen,
Kornbeladen,
Bunt von Farben
Auf den Garben
Liegt der Kranz,
Und das junge Volk der Schnitter
Fliegt zum Tanz.
      62
    Markt und Straße werden stiller,
Um des Lichts gesellge Flamme
Sammeln sich die Hausbewohner,
Und das Stadttor schließt sich knarrend.

Das sind Strophen, wie ein
Gemälde von Spitzweg


      63
    Schwarz bedecket
Sich die Erde,
Doch den sichern Bürger schrecket
Nicht die Nacht,
Die den Bösen grässlich wecket,
Denn das Auge des Gesetzes wacht.
      64
    Heilge Ordnung, segensreiche
Himmelstochter, die das Gleiche
Frei und leicht und freudig bindet,
Die der Städte Bau gegründet,
      65
    Die herein von den Gefilden
Rief den ungesellgen Wilden,
Eintrat in der Menschen Hütten,

Teuer, oh ja. Wenn ich allein an
unseren Militärhaushalt denke.
Oder an die Schäden, die die
Kriege angerichtet haben...

Sie gewöhnt zu sanften Sitten
Und das teuerste der Bande
Wob, den Trieb zum Vaterlande!

   

Blatt 9

Tausend fleißge Hände regen,
helfen sich im muntern Bund,
Und in feurigem Bewegen
Werden alle Kräfte kund.
      67
    Meister rührt sich und Geselle
In der Freiheit heilgem Schutz.
Jeder freut sich seiner Stelle,
Bietet dem Verächter Trutz.
      68
    Arbeit ist des Bürgers Zierde,
Segen ist der Mühe Preis,
Ehrt den König seine Würde,

Ehret uns der Füße Schweiß

[Ordnungsruf]


Ehret uns der Hände Fleiß.
      69
    Holder Friede,
Süße Eintracht,
Weilet, weilet
Freundlich über dieser Stadt!
      70
    Möge nie der Tag erscheinen,
Wo des rauhen Krieges Horden
Dieses stille Tal durchtoben,
      71
    Wo der Himmel,
Den des Abends sanfte Röte
Lieblich malt,
Von der Dörfer, von der Städte
Wildem Brande schrecklich strahlt!
      72
    Nun zerbrecht mir das Gebäude,
Seine Absicht hat's erfüllt,
Dass sich Herz und Auge weide
An dem wohlgelungnen Bild.
      73
    Schwingt den Hammer, schwingt,
Bis der Mantel springt,
Wenn die Glock soll auferstehen,
Muss die Form in Stücke gehen.
      74
    Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glühnde Erz sich selbst befreit!
      75
    Blindwütend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Höllenrachen
Speit es Verderben zündend aus;
      76
   

Blatt 10

Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten,
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.
      77
    Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte

Ob Innenminister Schäuble
und Finanzminister Steinbrück
sich darüber wohl
Gedanken machen?

Der Feuerzunder still gehäuft,
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!

      78
    Da zerret an der Glocken Strängen
Der Aufruhr, dass sie heulend schallt
Und, nur geweiht zu Friedensklängen,
Die Losung anstimmt zur Gewalt.
      79
   

Friedrich Schiller 1759 - 1805
Frz. Revolution 1789 - 1799
Deutsche Revolution und
Paulskuirche 1848 - 1849

Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,
Der ruh'ge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher,
      80
    Das werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
      81
    Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu,
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
      82
    Gefährlich ist's, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,

Ist [zweisilbiger Name]
auf der Autobahn

[Ggf. sinnvolle Reaktion.]


Das ist der Mensch in seinem Wahn.
      83
   

Weh denen, die zu gier'gen Leuten
Ne Führungsposition verleihn!
Nicht motivieren, nur ausbeuten,
Da geht doch jede Firma ein.


Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
Und äschert Städt und Länder ein.
      84
    Freude hat mir Gott gegeben!
Sehet! Wie ein goldner Stern
Aus der Hülse, blank und eben,
Schält sich der metallne Kern.
      85
    Von dem Helm zum Kranz
Spielt's wie Sonnenglanz,
Auch des Wappens nette Schilder
Loben den erfahrnen Bilder.
      86
   

Blatt 11

Herein! herein!
Gesellen alle, schließt den Reihen,
Dass wir die Glocke taufend weihen,
Concordia soll ihr Name sein,
      87
    Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine
Versammle sie die liebende Gemeine.
Und dies sei fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf!
      88
    Hoch überm niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt
Die Nachbarin des Donners schweben
Und grenzen an die Sternenwelt,
      89
    Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.
      90
    Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metallner Mund geweiht,
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr im Fluge sie die Zeit,
      91
    Dem Schicksal leihe sie die Zunge,
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
      92
    Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr entschallt,
So lehre sie, dass nichts bestehet,
Dass alles Irdische verhallt.

Kann sich irgendjemand vorstellen,
dass ein Betriebswirtschaftler von heute
so von Produkten seines Firma schwärmt?


      93
    Jetzo mit der Kraft des Stranges
Wiegt die Glock mir aus der Gruft,
Dass sie in das Reich des Klanges
Steige, in die Himmelsluft.
      94
    Ziehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt,
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute.

Sind wir schon fertig?

Scheint so.

Da sind aber noch welche wach.


      95

2009