Mönche und Manager

Bei einer Besichtigung des ehemaligen Zisterzienserklosters Maul­bronn, wurde einiges über die Geschichte des Ordens erzählt, das mir sehr modern vorkam:

Die Zisterzienser sind ja ein Ableger der Benediktiner. Der Orden der Benediktiner hatte den Wahlspruch "Bete und arbeite". Durch ihren Fleiß wurden die Benediktinerklöster im Lauf der Zeit reich, so reich, dass die Mönche gar nicht alle Arbeiten bewältigen konnten, und Tagelöhner und Handwerker aus der Umgebung beschäftigten.
Nach ein paar 100 Jahren kamen Puristen auf die Idee, dass alle Arbeiten doch nur von den Klosterangehörigen, also den Mön­chen ausge­führt werden dürften. Doch dafür gab es nicht genügend Mönche. So verfiel man auf den Gedanken, so genannte "Laienbrüder" einzuführen. Das waren Mönche zweiter Klasse, die im Gegensatz zu den "Herrenmönchen" keinerlei (geistliche oder sonstige) Bildung haben mussten, und nur für die Arbeit gebraucht wurden.
Da die Tagelöhner und Handwerker aus der Umgebung durch den Entzug der klösterlichen Aufträge zum großen Teil Lohn und Brot verloren, gab es genügend Bewerber für die Aufnahme ins Kloster. Die neuen Laienbrüder taten die gleichen Arbeiten wie vorher, bekamen aber nur noch das zum Leben Notwendige und mussten sich dafür den strengen Regeln des Ordens unterwerfen.

Menschen, die nur für das Lebensnotwendige arbeiten, und sich dafür willenlos den Regeln der Organisation unterwerfen – ist das nicht das, was sich Konzernlenker von heute erträumen?

November 2005